Das Klassenreglement der Worber Politik

Mit zwei Kindern im Schulalter ist der August bei uns ein besonderer Monat. Die Sommerferien sind vorbei, die Znüniboxen stehen wieder bereit und der Alltag nimmt Fahrt auf. Gleichzeitig beginnt auch für die Politik nach der Sommerpause wieder die intensive Zeit.

Da kam mir ein Gedanke: Was wäre, wenn eine Schulklasse die Regeln für die Politik aufstellen dürfte? Ich vermute, das Reglement wäre überraschend kurz. 

Regel 1: Wer etwas Neues verlangt, muss sagen, wer es bezahlt. Diese Regel hätten viele Kinder wahrscheinlich schneller verstanden als manche Erwachsene. In der Schule nennt man das Verantwortung übernehmen. 

Regel 2: Für jede neue Vorschrift fliegt eine alte raus. Im Schulzimmer würde niemand auf die Idee kommen, jede Woche drei neue Regeln zu erfinden. Irgendwann blickt niemand mehr durch. In der Politik ist das manchmal nicht anders.

Regel 3: Sitzungen dauern nicht länger als eine Schulstunde. Danach gibt es Pause. Das würde die Effizienz vermutlich schlagartig erhöhen. 

Regel 4: Gesunder Menschenverstand schlägt Bürokratie. Wenn der Papierkorb voll ist, leert man ihn. Man gründet nicht zuerst eine Arbeitsgruppe «Papierkorb 2030», erstellt einen Bericht und schickt ihn in die Vernehmlassung. Kinder haben eine erfrischende Art, Dinge zu hinterfragen. «Braucht es das wirklich?» oder «Geht das nicht einfacher?» sind Fragen, die sie ganz selbstverständlich stellen. Erstaunlich oft wären genau diese Fragen auch in der Politik hilfreich.

Regel 5: Wer einen Fehler macht, darf ihn korrigieren. Kinder machen das jeden Tag. In der Politik hingegen wird manchmal länger erklärt, warum etwas trotzdem richtig war, als es dauern würde, den Fehler einfach zu beheben.

Natürlich ist eine Gemeinde komplexer als ein Klassenzimmer. Entscheidungen über Schulen, Finanzen, Verkehr oder Infrastruktur verlangen Sorgfalt und Weitsicht. Trotzdem habe ich manchmal den Eindruck, dass wir einfache Probleme mit unnötig komplizierten Lösungen angehen.

Der 1. August erinnert uns daran, dass die Schweiz nicht wegen möglichst komplizierter Regeln erfolgreich geworden ist. Sondern weil Menschen Verantwortung übernehmen, pragmatische Lösungen suchen und Probleme anpacken. Vielleicht täte uns deshalb zum Schulstart nicht nur ein neues Schuljahr gut, sondern auch eine alte Tugend: zuerst überlegen, dann regulieren. Oder wie es eine Schulklasse wohl formulieren würde: «Bitte nicht unnötig kompliziert machen.» Zum Start ins neue Schuljahr wünsche ich allen Schülerinnen und Schülern, Lehrpersonen und Eltern einen gelungenen Anfang. Und uns allen wünsche ich, dass wir uns auch in der Politik hin und wieder von einer Schulklasse inspirieren lassen: mit gesundem Menschenverstand, klaren Regeln und dem Mut, einfache Lösungen zu bevorzugen.

Marc Eberhart, Mitglied Parlament, Sicherheitskommission

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