Der wohl aus dem Patriziat stammende Verfasser des Worber Artikels war offenbar von dem 1734 bis 1737 erbauten spätbarocken Neuschloss so beeindruckt, dass er es gleich zweimal erwähnte. Bild: von Albert Stumpf, 1920, Burgerbibliothek Bern.

Ein Blick ins 18. Jahrhundert: «Ein grosses Dorf, Kirch und Pfarr» – Worb im Leu’schen Lexikon

Die klassische Lexikographie mit ihren dicken Wälzern, in der das Wissen der Welt zwischen zwei Buchdeckeln geklemmt wurde, hat in der Schweiz im 17. Jahrhundert begonnen. Schwerpunkte waren zuerst vor allem Basel, Genf und auch Zürich. Die Informationen waren anfänglich sehr spärlich und fehlerhaft. Oft wurden einfach die Einträge aus ausländischen Nachschlagewerken übernommen. Von 1747 bis 1765 gab der Zürcher Bürgermeister und Bankier Johann Jakob Leu (1689-1768) das erste schweizergeschichtliche Nachschlagewerk, das «Allgemeine Helvetische, Eydgenössische oder Schweitzerische Lexikon» in 20 Bänden heraus – kurz «der Leu» genannt.

Die Worber Artikel
Der Herausgeber Johann Jakob Leu recherchierte die Einträge nicht selbst. Als vielbeschäftigter Politiker und Gründer der inzwischen verschwundenen Bank Leu, die 1990 an die CS ging und mit dieser 2023 in der UBS aufging, baute er in der ganzen Schweiz ein Netz von Korrespondenten auf, die ihm die Informationen zustellten, die er ungeprüft abdruckte. Das Leu’sche Lexikon zeichnete sich durch eine gewaltige Menge von Informationen aus, die aber nicht immer zuverlässig sind. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Schweizer Geschichte stand Mitte des 18. Jahrhunderts erst am Anfang. Das zeigt sich etwa im Eintrag zu Rüfenacht bzw. Rüffenach (noch ohne Schluss-T), wo von drei «Edlen» (Adligen) Ego, Berchtold und Hans die Rede ist, von denen man nichts weiss. Vermutlich handelt es sich um drei Vornamen, die in irgendwelchen Urkunden mit der Herkunft «von Rüfenacht» genannt werden und aufgrund des «von» gleich in den Adelsstand erhoben wurden. Der «Leu» – wie er bis heute einfachheitshalber genannt wurde – erschien nur auf Deutsch. Er wurde in einer Frakturschrift gedruckt und ist unbebildert. Weiterführende Literatur ist in einem Teil der Artikel zwar vorhanden, wird aber unsystematisch und stark abgekürzt im Artikel oder am Schluss angefügt. Für die Worber Artikel fehlt die weiterführende Literatur. Der Verfasser stützte sich wohl auf mündliche Aussagen und nichtpublizierte Quellen.

Den Zeitgeist widerspiegelt auch der Eintrag zu Herrschaft und Dorf Worb. Wir sind Mitte des 18. Jahrhunderts noch im ständisch-feudalen Zeitalter. Was zählt, ist die herrschende Oberschicht, im Kanton Bern das stadtbernische Patriziat. Daher stehen im Worber Artikel die Inhaber der Herrschaft Worb im Zentrum des Artikels. Bezeichnend ist auch der Eintrag Wattenwil («Wattenweil)»: Das Worber Wattenwil wird mit einem kurzen Satz bedacht, das Dorf und die heutige Gemeinde Wattenwil im oberen Gürbetal dagegen mit fast einer Seite. Die Patrizierfamilie Wattenwil wird dann in extenso mit zwölf Druckseiten beehrt. Einwohnerzahlen, die im vorstatistischen Zeitalter noch nicht erhoben wurden, Wirtschaftsverhältnisse oder soziale Strukturen, ja nicht einmal das Verkehrsnetz finden das Interesse des wohl aus dem Berner Patriziat stammenden Korrespondenten. Bemerkenswert ist jedoch, dass nicht nur Siedlungen, sondern schon Begriffe wie Gewässer, in unserem Fall die Worble, aufgenommen wurden und geographische sowie rudimentäre wirtschaftliche Informationen («Müllen» bzw. Mühlen) geliefert werden.

Zur heutigen Gemeinde, damals «Pfarr» und Kirchgemeinde Worb umfassend, finden sich die Einträge zu Worb, Rüfenacht und Ried. Die anderen Ortschaften (Richigen, Enggistein, Vielbringen und Bangerten) waren nicht würdig aufgenommen zu werden. Ried wird im Band 15 (1759) im grossen Kapitel zu den zahlreichen Ortschaften gleichen Namens in der Schweiz lediglich erwähnt als «Dorf zwüschend Worb und Hochstätten». Leu nimmt im Fall von Ried die Rubrik «Begriffserklärung» vorweg, wie sie die Wikipedia bei Gleichnamigkeit 250 Jahre später einführt, das heisst er bringt das Stichwort – hier Ried – und erklärt kurz, was dieser Begriff alles beinhaltet, ohne dann – mit Ausnahme einiger wichtiger Ortschaften «Ried» – inhaltlich weiter darauf einzugehen.

Worb. (Band 19, 1764, S. 588/589)
Ein grosses Dorf, Kirch und Pfarr, nebst einem zu oberst dem Dorf mit starken Thürmen und gar diken Mauren umgebenen Schloss, und auch aussert dem Dorf einem neuen wolerbauten Herrschaftlichen Hause, 2 Stund von der Stadt Bern, in dem Bernerischen Land-Gericht Conolfingen, da die Pfarr, welche von der Herrschaft daselbst bestellt wird, an die Pfarr Münsingen, Wyl, Biglen, Walkeringen, Vechingen und Muri stosset, und in die Berner Class gehöret. Das Schloss daselbst war das Stammhaus der Edlen gleiches Namens, aus welchem Anshelinus (Hänsli) und Diethelm Ao. 1146. einem daselbst von Herzog Conrad von Zäringen gehaltenen Land-Gericht beygewohnet, und Ulrich, Burger von Bern, auch Conrad und Werner Ao. 1325. der Leut-Kirch in der Stadt Bern Vergabungen gethan. Nach deren Abgang ist die Herrschaft Worb (darzu nebst diesem Dorf auch die von Wikertsweil und Trimstein gehören) an Johannes von Kien kommen, dessen Töchtern selbige Ao. 1352. Peter und Cuno von Seedorf verkauften, und dessen Tochter Verena selbige an Peter von Krauchthal, Schultheiss von Bern, und bey dessen Absterben ohne Männliche Erben an Peter Rieder vergabet, dessen Söhne Rudolf und Ulrich sie an sich gebracht, und der letstern Sohn. Peter einen Theil derselben A. 1452. wie auch des Rudolfen Wittwe hernach den andern Theil an Niclaus von Diesbach verkauft; bey dessen Nachkommen (unter denen Joos von Diesbach Ao. 1535 das Schloss daselbst neu erbauet:) selbige gebliben bis Ao. 1566. da der halbe Theil davon an Philipp Kilchberger, und von dessen Kindern Ao. 1572. an Hieronymus Manuel, und von dessen Sohns Sohns Tochtermann Hans Rudolf Zehender Ao. 1620. an Christof von Grafenried verkauft; der ander halbe Theil aber blieb in Handen deren von Diesbach, bis Christofs einte Tochter Maria selbige ihrem Ehemann Samuel Wunderlich, und nach derselben Absterben die andere Tochter Ursula ihrem Ehemann Abraham von Grafenried zugebracht; dessen Sohn Christof, wie obbemeldt, auch den andern Theil erkauft gehabt, und also die ganze Herrschaft bekommen; dessen Sohns Sohn Christof selbige bis Ao. 1720. besessen: auf dessen Absterben ohne Mänliche Erben selbige obigen Christofs anderer Sohn Johann Antoni bekommen, und sie hernach seines Sohns Christofs Sohn Franz Ludwig vermacht, dieser Christof aber selbige von Ao. 1730. bis Ao. 1743. in Besiz behalten, und der Sohn zuvor nicht in den Besiz gelangen mögen, und inmittlest zwischen dem Vatter und Sohn viele Verdriesslichkeiten entstanden, und dieser nächst an das Haupt-Schloss ein anderes Herrschafts-Haus, wie obbemeldt, erbaut und bewohnt, dessen Sohn Carl Emanuel nun die Herrschaft besizet.

Rüffenach. (Band 15, 1759, S. 525)
Ein Dorf in der Pfarr Worb, in dem Bernerischen Land-Gericht Conolfingen, darvon sich ehemahls auch Edle geschrieben, und aus selbigen Ego und Berchtold A. 1325. und Hans 1450. gelebt.

Worblen. (Band 19, 1764, S. 589)
Ein Fisch – und Krebs – reicher Bach oder Flüsslein, der eigentlich ein Ausfluss eines zwischen Walkringen und Engistein gewesenen, jez in ein Moos abgeänderten Seeleins ist, und der Worbbach genennt wird; hernach sich um etwas verliehrt, und am Vechinger Moos wieder stark hervorkommt, und dann den Namen der Worblen bekommt, Stettlen, Deisweil, Roherweil etc. vorbey fliesset, verschiedene Müllen und andere Wasser treibet, und über grosse Stein in die Aren einfliesset, bey Worblaufen.

Ein Worber Artikel im Ergänzungsband (1791)
Zwanzig Jahre nach dem Erscheinen des letzten Bandes liess der Zürcher Apotheker Hans Jakob Holzhalb von 1786 bis 1795 sechs Ergänzungsbände in Zug drucken. Der Protestant druckte im katholischen Zug: Es weht bereits ein Hauch der Aufklärung und der Toleranz. Die Ergänzungsbände schliessen Lücken und aktualisieren die Informationen. Allerdings erfolgte diese Aktion ziemlich unkoordiniert und ohne System. Aus der Kirchgemeinde Worb findet sich nur gerade ein kurzer ergänzender Eintrag zu Rüfenacht (dieses Mal mit Schluss-T). Der Ortsartikel wurde mit Einwohnerzahlen aufdatiert. Wie die Zahlen zu 1770 zustande kamen, ist nicht ganz klar. 1764 fand im Kanton Bern die erste Volkszählung statt und wurde vom Berner Korrespondenten nachgefragt. Interessanterweise wurden die demographischen Daten der anderen Worber Ortschaften nicht nachgetragen. 

Ganz im Geiste des damaligen genealogischen Interesses wurde dem Ortsartikel Rüfenacht noch die biographischen Erwähnungen von zwei, zur Zeit der Drucklegung lebenden Pfarrern, aus dem 1615 in Thun eingebürgerten Zweig, beigefügt. Beide Pfarrherren waren beim Erscheinen des Ergänzungsbandes 1791 gerade mal 51- und 34-jährig. Ob alle Familien, welche den Namen Rüfenacht tragen aus Rüfenacht stammen und untereinander verwandt waren, ist unklar. Jedenfalls besassen gemäss Familiennamenbuch der Schweiz gegen Ende des 18. Jahrhunderts Träger des Familiennamens Rüfenacht bereits in 14 Berner Gemeinden das Bürgerrecht. Es fällt aber auf, dass die meisten dieser Bürgerorte Worb und umliegende Gemeinden (Grosshöchstetten, Rubigen, Stettlen, Vechigen und Walkringen) umfassen. Von den beiden Pfarrern Abraham ist bekannt, dass der ältere zuerst in Lichtesteig und dann in Grindelwald Pfarrer war und der Jüngere nach dem Anschluss des Juras 1815 an den Kanton Bern die deutschsprachigen Reformierten im (Süd-)Jura betreute und sechs deutsche Schulen gründete.

Rüffenacht 
(Ergänzungsband 5, 1791, S. 214)
Das Dörfchen enthielt 1770 an 25 Feuerstellen und 66 Seelen. Auch blühet ein Geschlecht dieses Namens in der Bernerischen Stadt Thun; aus welchem Abraham, geb. 1741 examinirt und Pfarrer zu Lichtensteig im Toggenburg 1766, hernach zu Grindelwald 1783 worden; ein anderer Abraham, geb. 1757, ward examinirt 1781. MARCO JORIO

Titelblatt des Bandes mit den Artikeln zu Worb und zur Worblen aus «Allgemeines helvetisches, eydgenössisches, oder schweitzerisches Lexicon / [Theil I.- II.].» Bild: ETH-Bibliothek Zürich / Public Domain Mark
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