Wenn andere in den Krisenmodus schalten, blüht Andy Marchand, FDP, auf und packt zu, sei es während der Pandemie im Contact Tracing, im Flüchtlingswesen oder in der Schule. Sein Dienstverständnis gilt für ihn auch in der Politik, das Parlament versteht er als Sprachrohr des Volkes; ihm geht es um die Sache, nicht um seine Person. Nun ist er für ein Jahr Präsident eben dieses Gremiums.
An der letzten Parlamentssitzung des Jahres 2025 hat Hans Ulrich Steinmann, SVP, Andy Marchand als «menschliches Vielfachgerät» bezeichnet. Er ist Schulleiter in Muri, Vize-Kommandant der Feuerwehr Worb, Mitglied des RFO Bern Plus (Regionales Führungsorgan), First Responder und im Worber Parlament bekannt für seine schnell vorgetragenen, wortgewaltigen Voten. Wer es mit ihm zu tun bekommt, sollte schauen, dass der Koffeinhaushalt geregelt ist, denn er scheint mehrere Leben gleichzeitig zu leben und wenn er mal über sich spricht, dann erzählt er in einem grossen Spannungsbogen mit Abzweigern, ohne den Faden zu verlieren. Doch eigentlich mag er grosses Aufheben um seine Person nicht, denn was Marchand macht, tut er aus Überzeugung und es geht ihm um die Sache. «Ich will nicht nur konsumieren oder Profiteur sein. Ich will auch etwas zurückgeben. Und ja, ich habe gerne die Zügel in der Hand.» Nun hat er für ein Jahr die Zügel im Worber Parlament in der Hand. Wobei er auch das Amt des Parlamentspräsidenten nüchtern betrachtet. «Natürlich ist es eine Ehre und ich hoffe, dass ich diesem Amt gerecht werde. Aber viel steuern kann ich ja nicht, ich leite die Sitzungen und habe dafür zu sorgen, dass die vorliegenden Geschäfte behandelt werden.» Wichtig sei ihm ein respektvoller Umgang und gute Debatten.
Der Lehrer
Das er selbst Lehrer wird, sei für ihn unvorstellbar gewesen. «Ich selbst habe mich nie als Lehrer gesehen. Never! Ich mochte Lehrer nicht. Als Schüler war ich ein Enfant terrible oder ein Agent provocateur.» Wegen dem Numerus clausus konnte er nicht Medizin studieren, also entschied er sich für ein Informatikstudium. 2006 landete er dann doch an der neuen Pädagogischen Hochschule Bern. «Ich fand es doch nicht schlecht, mal in dieser neuen PH reinzuschauen. Schliesslich bin ich Lehrer geworden.» Von 2008 bis 2018 war er Lehrer im Oberstufenzentrum Worbboden. Diese Stelle hat ihn auch nach Worb geführt, denn geboren und aufgewachsen ist Andy Marchand in Bern. Nach zehn Jahren als Lehrer hat es ihn wieder zurück in die IT gezogen, oder besser gesagt, er wurde abgeworben, von einer IT-Firma in Burgdorf. Dort war er im Bereich E-Learning tätig. «Ich bin jemand, der IT versteht, der aber auch Lehrer ist und die Schule kennt.» In dieser Firma blieb er bis zum 28. Februar 2020, als im Kanton Bern der erste Corona-Fall bekannt wurde.
Der Krisenmanager
Wegen einer Schulterverletzung konnte Andy Marchand die RS nicht antreten und wurde später als militärisch untauglich eingestuft. Also wurde er dem Zivilschutz zugewiesen. «Ich war nicht begeistert. In diesen Zeiten wurde sehr schlecht über den Zivilschutz geredet. Ich hatte aber einen guten Kommandanten. Von ihm ging das Feuer irgendwie auch auf mich über.» Zudem habe es mehrere Einsätze gegeben, die ihm die Wichtigkeit dieser Organisation vor Augen geführt hätten, wie beispielsweise das Mattehochwasser 1999, wo alle verfügbaren Einsatzkräfte einrücken mussten. «Es gab diese Momente, da hat man gespürt, dass man etwas macht, das wirklich Sinn macht.» Von 2007 bis 2018 war er Kommandant Schutz und Betreuung in der Stadt Bern. Diese Laufbahn führte ihn schliesslich ins RFO. «Ich habe in der Meinung zugesagt, es komme ja sowieso nie etwas Grösseres. Ich hatte das RFO noch nie in Betrieb gesehen.» Bis eben zu jenem 28. Februar 2020, als sein Alarmgerät los ging und es für die Leute vom RFO hiess, sofort einrücken! Die Corona-Pandemie hatte die Schweiz erreicht und Aufgabe des RFO war es die Pandemiemassnahmen umzusetzen. Ab Sommer 2020 arbeitete Andy Marchand für das Kantonsarztamt und baute das Contact Tracing auf. «Anfangs waren wir 20 Leute, hatten nur drei Laptops und mussten mit unseren privaten Natels Infektionsketten abfragen» (siehe WoPo 08/21, Vis-à-vis). Mensch und Maschine seien in dieser Zeit an ihre Belastungsgrenze gekommen und eine digitale Lösung für das kontaktfreie Bearbeiten der Daten musste erst erarbeitet werden. Nach zwei Jahren im Dauerdienst, als die Pandemie für beendet erklärt wurde, wartete schon die nächste Krise auf ihn: der Ukraine Krieg hatte begonnen. Mit 70 Leuten aus dem Contact Tracing, die noch keine Anschlusslösung hatten, betreute er erst in der Zivilschutzanlage Allmend, später in der Containersiedlung Viererfeld Flüchtlinge. Diese Aufgabe brachte ihn schliesslich zurück zum Lehrerberuf. Weil es in den Berner Schulen zu wenig Platz für die Kinder aus der Ukraine hatte, wurde er beauftragt, im Viererfeld eine Container-Schule aufzubauen. «Dass ich im Flüchtlingswesen lande, damit habe ich nicht gerechnet. Es hat mich einfach dorthin gespült.» Bis 2023 war er als Betriebsleiter für die Containersiedlung zuständig. Dann wurde er nach Muri gerufen. Die Oberstufen zweier Gesamtschulen sollten zusammengelegt werden, was nicht ohne Reibereien über die Bühne zu laufen drohte. Beide Schulleitungen hatten geschlossen demissioniert und die Lehrpersonen drohten mit Kündigung. Andy Marchand sollte bis 2025 für eine geregelte Schulzusammenführung sorgen. «Ich war sehr umstritten, man wollte mich dort nicht. Ich war einfach ein Externer, der vom Kanton abgestellt wurde, um die Krise zu kitten.» Hier schliesst sich der Kreis, Andy Marchand ist wieder Lehrer. Aus der vorübergehenden Anstellung als Krisenschulleiter ist im April 2025 eine feste Anstellung geworden. Mehrere Jahre hat der Kanton sein Leben verplant und ihn von einem Brennpunkt zum nächsten versetzt, wäre da nicht irgendwann der Punkt gekommen, Nein zu sagen? Marchand winkt ab: «Ich beschwere mich nicht. Ich mache gerne bei solchen Sachen mit und ich mag die Abwechslung.»
Der Politiker
Sein politisches Engagement sei einer «Stammtischdiskussion» entsprungen. Einer seiner Kollegen meinte, man könne nicht nur über die Politik wettern, man müsse auch etwas tun. «Und er hatte ja recht. Nur wusste ich nicht, wo ich politisch überhaupt stehe. Also ging ich ins Internet und habe den Fragebogen von Smartvote ausgefüllt. Das Ergebnis war ganz eindeutig FDP und so trat ich dieser Partei bei.» Schon bei der ersten Parteiversammlung in Bern hatte er das Gefühl, am richtigen Ort zu sein. Natürlich ging es auch da nicht lange, bis er sich auf einer Wahlliste wiederfand und Sektions-Sekretär wurde. 2015 ist er nach Worb gezogen. Kaum angekommen, wurde er von der Feuerwehr rekrutiert und trat bei den Gemeindewahlen an. 2017 rückte er schliesslich ins Parlament nach. Bei all dem Engagement für den Kanton und Institutionen der Gemeinde stellt sich die Frage, tut er auch einmal etwas für sich? «Ich habe ein sehr hohes Dienstleistungsverständnis. Mir geht es um die Sache, nicht um mich selbst und ich tue das gerne. Beispielsweise der Zivilschutz fägt für mich, weil man dort etwas machen kann, was anderen ein normales Leben ermöglicht. Auch in der Politik geht es nicht um Andy, es geht um die Sache.» Schliesslich beantwortet er die Frage doch noch, er fotografiert. Er habe mal einen Kollegen aus Pfadfinderzeiten auf eine Fotoreise nach Norwegen begleitet. Zurück kam er mit einem Jobangebot als Fotoreise-Guide für drei Monate. Ein Angebot, das er annahm, um seine Überstunden abzubauen. Nichts tun liegt dem Mann einfach nicht. AW
Die Präsidien
Das Worber Gemeindeparlament gibt es seit 1973. Das Präsidium des 40 Mitglieder zählenden Parlaments wird im Jahresturnus ausgeübt.
1973 Ulrich Zaugg SVP
1974 Rolf Bühlmann FDP
1975 Hermann Kirchhofer SP
1976 Elisabeth Steiger-Roth SVP
1977 Hannes Walz FDP
1978 Fred Feitknecht SP
1979 Gottfried Hofmann SVP
1980 Hansruedi Stoll FDP
1981 Peter Fankhauser FWW
1982 Gottfried Gfeller SP
1983 Fritz Gasser SVP
1984 Klaus Moser FDP
1985 Richard Braun FWW
1986 René Bauer SP
1987 Willy Kilchenmann SVP
1988 Fritz Jenzer EVP
1989 Jürg Wettstein FDP
1990 Rudolf Stooss FWW
1991 Matthias Weber SP
1992 Peter Hubacher SVP
1993 Roland Möschler FDP
1994 Kurt Baum FWW
1995 François Breitenmoser CVP
1996 Werner Lüthi SP
1997 Therese Bernhard SVP
1998 Niklaus Mayer FDP
1999 Toni Maurer EVP
2000 Jonathan Gimmel FWW
2001 Jürg Kaufmann SP
2002 Andreas Wälti SVP
2003 Franziska Fritschy FDP
2004 Hans Ulrich Joss SP
2005 Hans Ulrich Born SVP
2006 Hanspeter Stoll FDP
2007 Ruth Bichsel SP
2008 Bruno Wermuth SVP
2009 Harry Suter EVP
2010 Maja Widmer FDP
2011 Christoph Moser SP
2012 Heinz Stauffer SVP
2013 Christa Kühn-Blank SP/parteilos
2014 Gregor Messerli FDP
2015 Brigit Raymann-Ochsenbein SP
2016 Martin Wälti SVP
2017 Beatrix Zwahlen EVP
2018 Christof Läderach BDP
2018/19 Sven Christensen FDP
2020 Sandra Büchel SP
2021 Bruno Fivian SVP
2022 Michael Suter FDP
2023 Catarina Jost-Pfister GLP
2024 Guido Federer SP
2025 Stephan Zingg, Philipp Juliano SVP
2026 Andy Marchand FDP