Marianne Rüfenacht plädiert für einen anderen Umgang mit Demenz.Bild:AW

Über Demenz …: «Man muss die Seite wechseln»

Vergesslich sind wir alle zwischendurch und das die kognitiven Fähigkeiten irgendwann nachlassen, gehört zum Alterungsprozess dazu. Doch wenn eine nahestehende Person plötzlich nicht mehr weiss, wie man die Kaffeemaschine bedient, oder vom Einkaufen den Nachhauseweg nicht mehr findet, steht schnell der Verdacht auf eine demenzielle Erkrankung im Raum. Die Betroffenen müssen damit zurechtkommen, dass sie nach und nach ihre Eigenständigkeit verlieren, während die Angehörigen oft mit Trauer und Überforderung konfrontiert sind. 

Es beginnt schleichend, meistens mit Gedächtnis- und Wortfindungsstörungen. Dazu kommen Schwierigkeiten bei der Planung und Organisation des Alltags, veränderte Verhaltensweisen und Persönlichkeitsveränderungen. Der Verlauf kann zwar mit verschiedenen Massnahmen und Medikamenten verlangsamt werden, eine Heilung gibt es jedoch nicht.
Alzheimer und andere demenzielle Erkrankungen sind auf dem Vormarsch. Nach den Zahlen von Alzheimer Schweiz lebten in der Schweiz Stand 2025 161 000 Personen mit einer Demenz. Im Kanton Bern waren es 21 670. 66 Prozent davon sind Frauen. Warum das so ist, darauf hat die Wissenschaft noch keine Antwort. Es wird davon ausgegangen, dass bis 2050 in der Schweiz 285 700 Personen von einer Demenz betroffen sein werden. Alzheimer ist dabei die häufigste Form, daneben sind noch über 50 weitere demenzielle Erkrankungen bekannt. Marianne Rüfenacht, Fachberaterin Demenz bei Alzheimer Bern, sieht in dieser Zunahme eine natürliche Entwicklung: «Das grösste Risiko an einer Demenz zu erkranken ist das Alter. Die Bevölkerung nimmt zu und die Menschen werden immer älter.» Nach der Familienpause war die in Rüfenacht wohnhafte Pflegefachfrau in der Langzeitpflege tätig, da sei sie schnell mit Demenz in Berührung gekommen. Sie hat sich im Bereich Demenz und Alltagsgestaltung an der Fachhochschule in Bern weitergebildet und war einige Jahre Teamleiterin einer geschützten Wohngruppe für Menschen mit Demenz. Seit vier Jahren ist sie nun Beraterin bei Alzheimer Bern. Neben ihrem grossen Erfahrungsschatz aus dem Pflegealltag, bringt sie viel Empathie, Verständnis und Offenheit mit, Marianne Rüfenacht ist eine Frau, bei der man sich sofort wohlfühlt.
Neben Beratungen werden bei Alzheimer Bern auch Gesprächsgruppen für Angehörige und für Betroffene sowie verschiedene inklusive Freizeitaktivitäten für Menschen mit und ohne Demenz wie Spaziergänge, ein Chor und eine begleitete Ferienwoche angeboten. Ein weiteres Angebot von Alzheimer Bern ist das Info Café Demenz, das auch in Worb stattfindet. Nebst einem fachlichen Kurzreferat bietet das Info Café Angehörigen, Betroffenen und Interessierten in einem ungezwungenen Rahmen Raum, um sich zu informieren und sich untereinander auszutauschen.

Perspektivenwechsel
Mit den ersten Anzeichen einer Demenz beginnt für die Angehörigen eine herausfordernde Zeit, denn oft sind die Betroffenen nicht krankheitseinsichtig. Da rät Marianne Rüfenacht Ruhe zu bewahren und das Ganze eine gewisse Zeit zu beobachten. Häufen sich die Symptome, sollte eine Abklärung bei der Hausärztin gemacht werden. Sind andere Erkrankungen, die ähnliche Symptome hervorrufen, ausgeschlossen, werden die Betroffenen an eine Memory Clinic weiterverwiesen. Das Beratungsangebot von Alzheimer Bern wird unterschiedlich genutzt, sagt Marianne Rüfenacht: «Manche kommen nur einmal und fragen nach Informationen zu Unterstützungsangeboten, andere kommen regelmässig zu uns, mit ihnen planen wir die nächsten Schritte.» 
So kommen hauptsächlich Angehörige zu ihr in die Beratung. Meist kurz nachdem die Diagnose gestellt wurde, oder wenn der Verdacht im Raum steht. Sie begleitet aber auch Betroffene. «Die Herausforderungen, mit denen die Angehörigen konfrontiert sind, sind ähnlich, aber sie unterscheiden sich in dem, wie sie damit umgehen. Nicht alle haben ein unterstützendes Umfeld oder die Ressourcen, um das zu stemmen», so Rüfenacht. Die Alltagsgestaltung mit Menschen mit einer Demenz kann schwierig sein, Anleitungen können sie nicht mehr umsetzen, gewohnte Routinetätigkeiten können zwar problemlos ausgeführt werden, wird diese Routine jedoch von etwas Unvorhergesehenem durchbrochen, damit können sie nicht umgehen. Dann muss abgeschätzt werden, ob die Verhaltensweisen, die die Demenz mit sich bringt, selbstgefährdend, fremdgefährdend oder entwürdigend sind, und es stehen schwere Entscheidungen an: wann ist der Zeitpunkt für den Pflegeheimeintritt oder kann man auf genug Unterstützungsangebote zurückgreifen, um die Pflege zu Hause zu sichern? «Ich sage das den Angehörigen bei den Beratungen immer, es ist wichtig sich selbst nicht zu vergessen, man hat auch seine Grenzen.» Aber ja, im Umgang mit dementen Personen müsse man etwas flexibler werden, einmal den Fünfer gerade sein lassen. «Das sage ich bei meinen Vorträgen immer und es betrifft Angehörige und Pflegepersonal. Man muss auf die Seite der Betroffenen wechseln und die Dinge aus ihrer Sicht betrachten. Denn sie können die Perspektive der anderen nicht mehr einnehmen.» Überhaupt plädiert sie für einen anderen Umgang mit Menschen mit Demenz, vor allem in Pflegeinstitutionen. «Menschen mit Demenz brauchen eine sinnvolle Beschäftigung und die Aktivitäten im Pflegebereich müssen auf sie zugeschnitten sein. Darauf hat uns ein Dozent während der Weitebildung hingewiesen. Denn wenn sie diese Beschäftigung nicht bekommen, dann beschäftigen sie die Pflegekräfte. Und was sinnvoll ist, das sagen die Betroffenen.» Dass das im eng getakteten Pflegealltag nicht ohne weiteres umgesetzt werden kann, ist ihr bewusst.

Prävention
Das Wort Prävention in Bezug zu demenziellen Erkrankungen nimmt Marianne Rüfenacht nicht gern in den Mund. «Wir reden lieber von Risikoverminderung statt Prävention. Dass eine demenzielle Erkrankung ausbricht, kann man nicht komplett verhindern.» Zu den ­Risikofaktoren gehören Übergewicht, Rauchen, über­mässiger Alkoholkonsum. Aber auch Bluthochdruck oder Hirnverletzungen können das Risiko erhöhen. Bleibt eine Sehschwäche oder Gehörbeeinträchtigung unbehandelt, können auch die Auswirkungen haben, weil dadurch weniger Impulse in das Gehirn gelangen. Im Endeffekt ist es so, wie bei vielen Erkrankungen, ein gesunder und aktiver Lebensstil kann vorbeugend wirken. Marianne Rüfenacht betont vor allem die Pflege sozialer Kontakte, dabei verweist sie auf die Nonnenstudie, die die Universität von Kentucky in den 1980er Jahren über einen Zeitraum von 15 Jahren durchgeführt hat. Bei der Obduktion der verstorbenen Ordensschwestern wurden bei etlichen die für Alzheimer typischen Eiweissablagerungen im Hirn festgestellt. Die Nonnen hätten eigentlich hochdement sein sollen. Waren sie aber nicht. Durch ihren Lebensstil und die vielen sozialen Kontakte konnten sie kognitive Reserven aufbauen, mit denen sie Alzheimersymptome kompensieren konnten. Marianne Rüfenacht stellt das auch in ihrem Berufsalltag fest, Betroffene mit einem grossen Wissen oder ausgeprägten sprachlichen Fähigkeiten können Symptome wie Wortfindungsstörungen recht lange kompensieren, weil sie immer noch Wörter finden würden, die passen. So ist ihr Rat zur Risikoverminderung recht simpel: «Man muss offen und neugierig bleiben, Neues ausprobieren und nicht mit der Pensionierung in den wohlverdienten Ruhestand gehen und nichts mehr machen. Stress ist aber auch nicht gut. Man muss einfach ein gutes Mass finden und akzeptieren, dass man älter wird.» AW

Das nächste Info Café Demez findet am 21. Mai von 17.00 bis 18.30 Uhr in der Altersbetreuung Worb statt.

Alzheimer Beratungsstelle Stadt / Region Bern:
Bahnhofplatz 2, 3011 Bern
Tel.: 031 312 04 10
bern@alz.ch

Weitere Angebote von Alzheimer Bern finden sich unter
www.alzheimer-schweiz.ch/de/bern/home

Beitrag teilen:

Aktuelle Beiträge

Worb wächst – und mit ihm die Vielfalt der Mobilität. Mehr Velofahrende und E-Biker sind eine positive Entwicklung. Jede Initiative, die den Langsamverkehr attraktiver und sicherer gestaltet, liegt mir am Herzen. Denn wer entspannt und ohne unnötige Risiken auf zwei Rädern

Manchmal zeigen Wahlen mehr als nur Verschiebungen der Sitzverteilung. Die jüngsten Wahlen im Kanton Bern gehören in diese Kategorie. Die SP hat zugelegt: vier Sitze, neu 36 Mandate. Ein Resultat, das nicht vom Himmel gefallen ist, sondern aus Gesprächen, Präsenz,

Am 14. Juni ist wieder Abstimmung. Die masslose Zuwanderung bereitet mir Sorgen. Nicht nur weil alles überbaut wird, überall Stau herrscht und unsere Sozialsysteme überlastet werden, sondern meine Hauptsorge besteht darin dass die Selbstversorgungslage für Nahrungsmittel in der Schweiz bereits