120 Jahre Velo Schmutz: Zwischen Familiengeschichte, «Schmutzli» und E-Bikes zeigt sich, wie viel sich verändert hat – und wie viel geblieben ist.
Wer bei Velo Schmutz zur Tür hereinkommt, steht erst einmal mitten zwischen Velos. Sie stehen dicht an dicht, alle auch eine riskante Anschaffung. Begrüsst werde ich herzlich und sofort per Du. Chrigu Schmutz kennt diese Räume seit seiner Kindheit – er ist in diesem Haus aufgewachsen. Und auch mir ist der Name vertraut: Wer wie ich in der Region gross geworden ist, kam am «Schmutzli» kaum vorbei.
Die Geschichte beginnt lange vor der Eigenmarke. Als Ernst Schmutz 1906 seine Velohandlung eröffnete, war auch das Fahrrad noch jung. Das Schrauben an den Rädern der familieneigenen Bäckerei hatte ihm das nötige Rüstzeug gegeben; eine Lehre zum Velomechaniker gab es damals noch nicht. Gleichzeitig wurde das Velo mehr als blosses Fortbewegungsmittel. 1903 war erstmals die Tour de France ausgetragen worden, Renn- und Freizeitvelos kamen auf. Velo Schmutz war von Anfang an mittendrin.
120 Jahre später würde Ernst ein heutiges Velo wohl noch immer sofort erkennen: zwei Räder, Rahmen, Kette. Rundherum hat sich allerdings einiges getan. Spätestens mit dem E-Bike hielten Motoren, Akkus und Elektronik Einzug in die Werkstatt. «Das Velo wird nie verschwinden», sagt Chrigu. Dafür sei es zu vielseitig – im Alltag, im Sport und als nachhaltiges Verkehrsmittel.
Heute führt er den Laden mit seiner Frau Michèle. Beide gingen zunächst andere berufliche Wege: Chrigu mit einer Eventagentur, Michèle beim Radio. Eine Übernahme blieb aber immer eine Möglichkeit. Als Chrigus Vater Daniel ihnen den Betrieb anbot, mussten sie nicht lange überlegen. Druck habe es nie gegeben, auch nicht in früheren Generationen. «Wenn man gezwungen ist, etwas zu tun, kann man es nicht mit Leidenschaft, Feuer und Herz machen.»
Mit Chrigu und Michèle kam auch das «Schmutzli». Der Name war fast unvermeidlich: Chrigu wurde ohnehin von vielen so genannt, und wo der Schmutzli seinen Esel hat, steht bei Schmutz der Drahtesel. Aus dem Wortspiel wurde eine Eigenmarke, die in der Region längst ihren Platz hat.
Persönlich bleibt es auch im Laden. Ein Velo müsse zur Person passen, sagt Chrigu. Seine offene Werkstatt vergleicht er mit der Küche eines guten Restaurants: Die Kundschaft soll sehen, wer an ihrem Velo arbeitet, Fragen stellen und ins Gespräch kommen. Auch Onlinekritik liest Chrigu selbst, bespricht sie im Team und antwortet darauf. Und manchmal steht am nächsten Tag statt einer Bewertung Kundschaft mit einem Kuchen vor der Tür.
So schliesst sich nach 120 Jahren ein Kreis: Grosseltern kommen mit ihren Enkelkindern in den Laden, weil sie selbst schon bei Schmutz ein Velo gekauft haben. Für manche Kinder in der Region ist «Schmutzli» bis heute nicht einfach eine Marke – sondern synonym für ein gutes Velo. JOEL PROBST