2609_Vis-à-vis-Nikoletta-Csaba

Vis-à-vis mit Nikoletta Csaba World-Nomad-Games-Bogenschützin

Eigentlich erkenne ich sie sofort, als ich am Bahnhof die Treppen hochkomme. Da steht Nikoletta Csaba – und irgendwie sieht man ihr an, dass sie Bogenschützin ist. Vielleicht ist es die aufrechte Haltung, vielleicht die Ruhe, die sie ausstrahlt, oder etwas, das ich nicht in Worte fassen kann. Seit 1999 lebt Nikoletta Csaba in der Schweiz. Inzwischen ist sie Schweizerin, ihre Wurzeln liegen in Ungarn. Seit einem Jahr ist Worb ihr Zuhause.
«Nach Worb bin ich gekommen, weil ich eine Lebensform gesucht habe, die zu mir passt. Und hier bin ich fündig geworden. Wir leben zu zweit in einer WG. Wir geniessen sowohl die Gemeinsamkeiten als auch die Freiräume, die wir haben. Wir gärtnern beide sehr gerne, das verbindet uns. Was ich an Worb besonders schätze, ist die Nähe zur Natur und gleichzeitig die gute Verbindung nach Bern. Meine Freizeit verbringe ich mit Gärtnern, Nähen – und natürlich mit Bogenschiessen.
Meine Geschichte mit Pfeil und Bogen begann 2019 auf einem Mittelaltermarkt. Dort habe ich das Bogenschies-sen entdeckt – eigentlich würde ich sogar eher sagen: Das Bogenschiessen hat mich gefunden. Von Anfang an habe ich mich damit wohlgefühlt und schnell gemerkt, dass ich eine gewisse Begabung dafür habe. Noch etwas anderes begann sich durch diesen Sport zu verändern: mein Verhältnis zu meiner eigenen Herkunft. Spannend finde ich, dass durch das Bogenschiessen mein Interesse und mein Zugang zu meiner Herkunft und meinen Wurzeln erwacht sind. Vorher in meinem Leben hat mich das überhaupt nicht interessiert.
Diese Verbindung von Sport, Tradition und Kultur führte mich nun bis nach Kirgisistan. Bei den 6. World Nomad Games 2026 durfte ich die Schweiz im traditionellen Bogenschiessen vertreten. Die World Nomad Games bedeuten mir viel mehr als nur einen Sportwettkampf. Sie verkörpern für mich kulturelle Vielfalt, lebendige Traditionen und eine tiefe Verbundenheit mit der Natur. Es war mir eine grosse Ehre, die Schweiz im traditionellen Bogenschiessen zu vertreten und damit auch eine Brücke zwischen den Kulturen zu schlagen. Besonders stark habe ich dort auch meine ungarischen Wurzeln gespürt. Die Begegnungen mit Menschen aus Kirgisistan, Kasachstan, der Türkei und anderen Ländern mit einer alten Steppen- und Nomadenkultur haben in mir viel Vertrautes angesprochen. Was mich in Kirgisistan besonders berührt hat, war dieses unerwartete Gefühl von Vertrautheit und Zuhause-Sein. Die Gastfreundschaft, die Gemeinschaft, die Nähe zur Natur und die Selbstverständlichkeit, mit der Traditionen noch gelebt werden, haben mich sehr beeindruckt.
Angemeldet war ich für eine Disziplin über 40 Meter auf eine Scheibe mit 50 Zentimetern Durchmesser. Das habe ich gut gemeistert, von 80 Teilnehmerinnen im internationalen Teilnehmerfeld erreichte ich den 45. Rang. Das Ergebnis des Wettkampfes ist eigentlich nur ein Teil der Geschichte. Viel wichtiger war das Erlebnis selbst: Menschen aus verschiedenen Ländern, unterschiedliche Traditionen, Hilfsbereitschaft.
Zurück in der Schweiz muss ich mich nun erst einmal etwas erholen. Lange werde ich mich allerdings nicht ausruhen. Ich arbeite selbständig als Physiotherapeutin in einer Gemeinschaftspraxis im Kirchenfeld. Gleichzeitig bin ich dabei, einen weiteren Bereich aufzubauen: das therapeutische Bogenschiessen. Noch fehlt mir dafür der geeignete Ort. Aber ich bin mir sicher, dass er mich finden wird, wenn die Zeit dafür reif ist. Für mich ist dabei nicht das Bogenschiessen an sich ‹heilsam›. Der Bogen ist vielmehr ein Medium. Die Arbeit mit ihm kann einen Raum für Selbsterfahrung und Selbsterkenntnis öffnen. Der Bogen gibt eine sehr unmittelbare Rückmeldung: Wie stehe ich da? Wie gehe ich mit Spannung um? Kann ich loslassen? Was geschieht mit mir, wenn ich treffe – und was, wenn ich nicht treffe? Durch die Verbindung von Körperwahrnehmung, Konzentration und innerem Erleben können eigene Muster sichtbar und spürbar werden. Als Physiotherapeutin bringe ich dabei mein Wissen über Körper, Bewegung und Wahrnehmung mit. Vielleicht ist genau das auch der Grund, weshalb mich dieser Sport so fasziniert. Es geht um Konzentration, um Körpergefühl und um den richtigen Moment. Um Loslassen, Vertrauen – und gleichzeitig darum, ein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.
Mein nächstes Ziel steht bereits fest: die 7. World Nomad Games 2028 in Kasan, in der russischen Republik Tatarstan. Wenn es möglich ist, möchte ich auf jeden Fall wieder teilnehmen.»

Aufgezeichnet von RAHEL VON DER DECKEN

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