Vis-à-vis mit Thomas Hulliger, Worb-Heimkehrer

Mit Thomas Hulliger begebe ich mich auf eine Reise in die Vergangenheit. Sie beginnt in einem Haus, das seit langer Zeit im Besitz der Familie Hulliger ist. Das schmale Strässchen, die denkmalgeschützten Häuser und die Geschichten von früher lassen mich für einen Moment vergessen, dass wir uns im Jahr 2026 befinden.
«Ich bin in der Braui aufgewachsen. Meine Eltern haben dort gewirtet. Sie waren Pächter – gehört hat die Braui immer der Familie Egger. Meine Kindheit war besonders – im Guten wie im Herausfordernden. Als Sohn des Wirte-Ehepaars war ich früh in den Betrieb eingebunden. Die schulfreien Mittwochnachmittage verbrachte ich im Restaurant. Ich musste jeweils die Serviertochter ablösen. Während sich andere Kinder draussen zum Spielen trafen, arbeitete ich. Damals war ich etwa zwölf Jahre alt – heute wäre so etwas in der Schweiz kaum mehr denkbar.»
Gleichzeitig erinnert er sich gerne an die vielen gemeinsamen Stunden draussen rund um die Braui. «Wir waren sicher um die 20 Kinder, die sich dort abends zum Spielen trafen. Das war schon etwas Besonderes, und das möchte ich auf keinen Fall missen. Das Leben spielte sich damals stark rund um den Gastbetrieb ab. Man könnte sagen, wir haben in der Braui gelebt. Wir haben dort gegessen und dort fand auch der ­grösste Teil unseres Familienlebens statt. Unvergessen sind für mich auch die zahlreichen Gartenfeste; es war immer etwas los. Meine Eltern hatten zudem eine Festhütte, mit der wir von Anlass zu Anlass zogen. Wir Kinder waren natürlich immer dabei und halfen mit. Und auch kleine Details sind mir bis heute präsent: Ich erinnere mich noch gut daran, dass ein Kübeli Bier damals 1 Franken 20 kostete. Und auf den Zigarettenpäckchen im Automaten klebte jeweils ein 20-Rappen-Stück, weil der Automat noch kein Rückgeld herausgeben konnte.»
Thomas Hulliger besuchte die Primarschule sowie das 10. Schuljahr in Worb. Von 1981 bis 1985 absolvierte er bei der damaligen Gfeller AG in Bümpliz eine Lehre als Maschinenzeichner. In die Fussstapfen seiner Eltern wollte er bewusst nicht treten. «Während meiner Lehrzeit fand ich nicht nur meinen damaligen Beruf, sondern auch Freundschaften, die bis heute bestehen. Wir sind eine Sechsergruppe von Freunden und unternehmen regelmässig etwas zusammen. Ich bin sicher, das wird auch so bleiben.
Mit Worb bin ich immer noch tief verbunden, ich kenne hier fast jeden Winkel. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Vortrag, den ich in der 7. Klasse halten musste. Mein Thema war die Geschichte von Worb. Mein Vater half mir bei der Vorbereitung. Er wusste über jedes Wasserrad Bescheid, das vor 400 oder 500 Jahren die Gewerbe antrieb. Der Bach, der damals direkt hinter dem Haus entlangfloss, wurde später umgeleitet – mit der Elektrifizierung änderte sich vieles. Mein Vortrag war so umfangreich, dass ich ihn anschliessend sogar noch der 8. und 9. Klasse präsentieren musste.»
Seit gut einem Monat lebt Thomas Hulliger wieder in Worb. «Ich hatte das Glück, im Elternhaus eine Wohnung kaufen zu können. In der Wohnung im Parterre wohnt meine Tochter mit ihrer Familie. Mein Grosskind ist bereits die fünfte Generation unserer Familie, die in diesem Haus lebt.»
Und so schliesst sich für Thomas Hulliger ein Kreis: Nach vielen Jahren ist er wieder dort angekommen, wo alles begann. «Ich geniesse es sehr, wieder in Worb zu leben. Die Sonne scheint auf meinen Balkon von morgens bis abends – manchmal fühlt es sich fast ein bisschen an wie Ferien.»

Aufgezeichnet von RAHEL VON DER DECKEN

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