Vis-à-vis mit Veronika Heiniger, Sozial-Engagierte

«Ich bin Zuhörerin, nicht Erzählerin. Deshalb ist dieses Treffen für mich ungewohnt. Schon als Kind und Jugendliche habe ich meine Eltern und Grosseltern immer gefragt, wie es früher war. Ich habe einfach schon immer gerne zugehört – den Geschichten, die das Leben schreibt.»
Für einmal ist es nun umgekehrt. Mit Notizbuch und Stift bewaffnet sitze ich am Tisch in Veronika Heinigers Praxis, einen Tee vor mir, und darf zuhören, was sie zu erzählen hat.
«1988 kam ich das erste Mal nach Worb. Ich hatte ein Vorstellungsgespräch bei der Spitex. Ich erinnere mich noch gut an den ersten Blick durchs Worblental auf die Berge vom Bähnli aus – das hat mir gefallen und als Erstes studierte ich am Bahnhof die vielversprechenden Wanderwegweiser. Ich bekam die Stelle als junge Pflegefachfrau und begann damit einen neuen Lebensabschnitt: Für diese neue Aufgabe lernte ich sogar Autofahren (was bei meiner Abneigung dagegen viel bedeutete!). Mein erster Arbeitstag war der 1. Mai. Mit einer älteren Arbeitskollegin fuhr ich damals durch die blühende Gegend Richtung Mänziwilegg zu einer Patientin. Die administrativen Aufgaben machten zu dieser Zeit noch einen viel kleineren Teil der Arbeit aus als heute. Eine Zeit lang betreute ich beispielsweise eine Diabetikerin. Wenn ich bei ihr ankam, feuerte ich zuerst den Ofen ein, bereitete ihr einen Kaffee zu und spritzte dann das Insulin. Die Arbeit war geprägt von persönlichen Begegnungen und gab mir viel Einblick ins Leben der Menschen. Auch da war ich oft wieder Zuhörerin.
Ich war schon immer ein neugieriger Mensch und irgendwann merkte ich, dass noch etwas Neues auf mich wartete. Ich entschied mich für die Ausbildung an der Schule für Soziale Arbeit – jeweils an zwei Abenden pro Woche und samstags. Bald darauf begann ich beim Sozialdienst der Gemeinde Worb zu arbeiten. Das war eine unglaublich lehrreiche Zeit. Es berührt mich, wie wenig es manchmal braucht, damit jemand in eine Abwärtsspirale gerät. Viele Menschen tragen Scham und Vorurteile wegen ihrer Situation mit sich. Gleichzeitig beeindruckt mich immer wieder, wie viel Kraft Menschen entwickeln können, um sich aus schwierigen Lebenslagen herauszuarbeiten.
Nach sieben intensiven Jahren war es wieder Zeit für eine Veränderung. Während einer Reise in Norwegen machte ich mir Gedanken darüber, wie mein Weg weitergehen könnte. Ich wollte selbständig arbeiten, meine Hände brauchen und weiterhin nah am Menschen sein. So entstand die Idee, die Ausbildung zur Medizinischen Masseurin zu machen. Bald darauf begann ich die dreijährige berufsbegleitende Ausbildung in Aarau. Nach deren Abschluss kündigte ich meine Stelle bei der Gemeinde Worb und entschied mich, eine eigene Massagepraxis aufzubauen. Gleichzeitig fand ich eine 50%-Stelle als Sozialarbeiterin bei der Fachstelle Gesundheit und Wohnen in der Stadt Bern. Dort klärten wir schwierige Wohnsituationen ab und suchten nach Möglichkeiten, Entlastung zu schaffen. Die beiden Bereiche – Massage und aufsuchende Sozialarbeit – waren für mich ein grosser Kontrast, aber auch eine wertvolle Ergänzung. Mehr als 20 Jahre lang, bis zu meiner Pensionierung, durfte ich so arbeiten. Ich habe die Möglichkeit des selbstbestimmten Arbeitens sehr geschätzt.
Nun steht nach all den Jahren wieder eine Veränderung an: Ende Jahr werde ich meine Praxis aufgeben und nochmals etwas Neues beginnen. Mit dem Älterwerden setze ich mich vermehrt mit der eigenen Vergänglichkeit auseinander. Dabei habe ich gemerkt, dass mich das Thema Sterbebegleitung interessiert. Ich finde es wichtig, dass Menschen in dieser letzten Lebensphase in ihrer Umgebung bleiben können, wenn sie dies wünschen. Deshalb werde ich einen Kurs in Sterbebegleitung besuchen. In einer Projektegruppe des Zentrums Alter setzen wir uns nun mit diesen Fragen auseinander. Im September ist eine Ausstellung mit einem Rahmenprogramm zum Thema Sterben geplant. (Infos folgen in der nächsten Worber Post). Im Rahmen von Freiwilligenarbeit möchte ich einen Teil dazu beitragen, dass Schwerkranke möglichst lange daheimbleiben können und ihre Angehörigen entlastet werden. 
Und natürlich wird es ab nächstem Jahr auch mehr Freizeit für mich geben: Zurzeit lerne ich Zither spielen, hege meine Blumen und Kräuter, gehe wandern, lese gerne und pflege meine Kontakte.»

Aufgezeichnet von RAHEL VON DER DECKEN

Beitrag teilen:

Aktuelle Beiträge

Nach neuneinhalb Jahren im Gemeinderat hat Urs Gerber, Grüne, im Mai seinen Rücktritt per Ende Juli 2026 angekündigt. Als Vorsteher des Departements öffentliche Sicherheit hat er einige Projekte angestossen, wie beispielsweise die Installation von Defibrillatoren auf dem Gemeindegebiet.

Die OLWO AG feiert in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen. Aus einer kleinen Sägerei in Enggistein entstand seit 1926 ein Familienunternehmen, das heute zu den bekannten Unternehmen der Schweizer Holzbranche gehört. Mit Standorten in Worb, Erlenbach im Simmental und Stalden

Am vergangenen 17. Juli war die Rossmarie zum letzten Mal regulär geöffnet. Bis Ende Jahr werden noch einige geplante Events durchgeführt, bevor das Pop-up endgültig geschlossen wird. Der Grund: Die Besuchszahlen waren zu gering, um das Lokal erfolgreich weiterführen zu