Vis-à-vis mit Xeno Wyss

«Über den Wolken, muss die Freiheit wohl grenzenlos sein» passt einfach wunderbar zu diesem Vis-à-vis. Im Gespräch mit Xeno Wyss, der mitten in der Ausbildung zum Berufspiloten steckt, kann ich mir so richtig gut vorstellen, wie viel Freude das Fliegen macht und wieviel Disziplin es gleichzeitig braucht, diesen Weg zu gehen.
«Das Fliegen war sozusagen mein Bubentraum. In Belp bin ich oft in der Kugel am Geländer gestanden und habe geträumt. Es hat mich einfach fasziniert – woher diese Faszination kam, weiss ich aber gar nicht so genau. Nach der Lehre als Mediamatiker bin ich ins Militär zur Luftwaffe, dort habe ich einige Freunde gefunden mit fliegerischem Hintergrund. So bin ich zu dieser Zeit auf «SPHAIR» gestossen. SPHAIR ist eine Ausbildungsplattform der schweizerischen Luftwaffe für angehende Militärpiloten oder Fallschirmabklärer, eignet sich aber ebenfalls für zukünftige Airlinepiloten als Einstieg in die Aviatik. Ich habe dieses Programm also absolviert und bestanden. Zu diesem Programm gehören zahlreiche theoretische Inhalte wie auch Wissens- und auch Wesenstests. Am Schluss muss man eine zweiwöchige fliegerische Eignungsprüfung ablegen. Diese Prüfung ist sehr streng und wird extra so gestaltet, dass man durchaus auch an seine Grenzen stösst. Ich habe jedenfalls bestanden mit der Empfehlung für eine Berufspilotenlaufbahn. Wenn ich mir vorstelle, dass ich das Fliegen zu meinem Beruf machen kann, fühlt sich das nicht wie arbeiten an, sondern wie das Leben meiner Leidenschaft. Jetzt mache ich meine Lizenz bei Horizon Swiss Flight Academy, das ist die Tochtergesellschaft der Helvetic. Die Ausbildung zum Piloten muss man sich weniger wie eine klassische Ausbildung sondern vielmehr wie das Erwerben einer Lizenz vorstellen. Da die Ausbildung mit Kosten verbunden ist und man in dieser Zeit nichts verdient, lebe ich momentan noch bei meiner Mutter in Worb. In der Ausbildung inbegriffen sind aber z. B. eine bestimmte Anzahl Flugstunden, die ich eigenverantwortlich und selbstbestimmt nutzen kann.»
Auf meine Frage, ob er sich denn einfach einen Flieger mieten kann, so wie ich mir z. B. ein Auto mieten kann, erklärt mir Xeno, wie das funktioniert: «Ich kann mir bei der Flugschule Grenchen Flieger mieten. Wichtig ist jeweils, dass man sich sehr ausführlich über die Vorgaben und Umstände am Zielflughafen informiert. Gerade in der Schweiz sind die Auflagen sehr streng und jeder Flughafen hat seine Besonderheiten oder speziellen Verfahren. Es gibt z. B. gewisse Zeiten, in denen man bestimmte Flughäfen besser nicht anfliegt, sonst macht man sich bei den Anwohnenden unter Umständen unbeliebt wegen Lärmbelästigung. Wichtig ist auch zu wissen, dass es in der Privatfliegerei vorwiegend zwei verschiedene Treibstoffarten gibt: AvGas 100LL und JET-A1. Die allgemeinen Bestrebungen gehen dahin, möglichst auf Kerosin umzustellen. Es gibt nun Länder, oder besser gesagt Inseln, wo man gar kein AvGas mehr tanken kann, und somit ist es natürlich sehr wichtig, dass man sich im Vorfeld auch mit dieser Frage beschäftigt, damit es nicht zu einer unliebsamen Überraschung kommt. Ich habe jedenfalls schon einige sehr spannende Flüge getätigt: gerade vor zwei Woche nach Elba mit einem Freund oder nach Lyon, Paris, Malta …
Mein längster Flug bis jetzt hat gute drei Stunden gedauert. Nebst meinen praktischen Flugstunden absolviere ich die ATPL-Theorie bei Horizon im Homeoffice. Das ist sehr viel Inhalt, den ich lernen muss, und es erfordert ganz schön viel Disziplin. Während andere in die Ferien fliegen oder sonst ihre Freizeit irgendwo verbringen, sitze ich oft am Schreibtisch und lerne. 
Der Abschluss meiner Ausbildung ist gewissermassen wetterabhängig – ich rechne aber damit, dass ich im April oder Mai 2027 fertig bin. Was dann kommt, das weiss ich noch nicht genau, interessant wäre sicher eine Anstellung als Linienpilot oder auch Cargo. Als Linienpilot fliegt man natürlich die tollen Urlaubsziele an und als Cargo-Pilot fliegt man meistens nachts und man hat ganz andere Zielländer oder Flughäfen. Jedenfalls ist es ein Beruf mit einer grossen Verantwortung, dies ist mir sehr bewusst. Angst empfinde ich nicht, jedoch durchaus einen gewissen Respekt. Muss ich mich aber entscheiden, wo ich mich am sichersten fühle, ziehe ich das Fliegen auf jeden Fall dem Zugverkehr und dem Autoverkehr vor.»

Aufgezeichnet von RAHEL VON DER DECKEN

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