Denkmalpflege: «Abe mit dem Ghütt!» – Kulturverlust ohne Ende in Rüfenacht?

Wieder soll ein Stück Rüfenachter Geschichte verschwinden. Nach der 2012 abgebrannten Sonne und dem fast gleichzeitig abgerissenen Bauernhaus Hinterhaus aus dem Jahr 1719 soll nun auch das um 1740 erbaute Aebersoldhaus einem Neubau weichen. Rüfenacht verliert seine Seele.

Wer heute auf dem komplett asphaltierten Dorfplatz in Rüfenacht steht, sieht im Norden einen Wald von Baugespannen: Es wird gebaut! Innere Verdichtung ist angesagt. Das ist gut so. Verlassen steht nun das wuchtige Aebersoldhaus im Dorfzentrum. Man sieht es ihm an: Auch seine Tage sind gezählt. Es soll zusammen mit dem Spycher abgerissen werden. Vor gut zehn Jahren hatte man noch anderes vor.

«Kulturgut in Wert setzen»
Mit dem Brand des Restaurants Sonne 2012 eröffnete sich die Gelegenheit, den Dorfkern neu zu gestalten. 2013 und 2014 war die Arbeitsgruppe «Zentrumsgestaltung Rüfenacht» am Werk (ich war Mitglied). Dabei stand von Anfang an fest, dass nicht nur das Areal der Sonne neu geplant werden soll, sondern auch der Raum links und rechts der Hinterhausstrasse. Und es war auch klar, dass die noch nicht überbauten Parzellen hinter dem Aebersoldhaus verdichtet überbaut werden sollen.

In den Planungsunterlagen war die Zerstörung des dominanten Bauern­hauses und des damals noch geschützten Speichers kein Thema. Im Gegenteil! Es war – so etwa anlässlich des Forums vom 14. August 2013 – die Rede, dass die «historischen Spuren des Dorfzentrums Rüfenacht in der Planung berücksichtigt werden» sollen. Die Verdichtung solle um das Aebersoldhaus herum stattfinden und der Raum um den «Chegelebaum» die Dorfmitte bilden, geprägt durch das Aebersoldhaus und die neue Sonne im spannungsreichen Zusammenspiel von Alt und Neu. Kulturhistorische Spuren seien wichtig und «möglichst in Wert zu setzen». Als zentrale und identitätsstiftende Gestaltungselemente wurden der gepflegte Bauerngarten und die Fassade des Bauernhauses genannt.

Aber nicht in Rüfenacht!
Alle diese Argumente sind heute vergessen. Die Gemeinde konnte zwischenzeitlich das Aebersoldareal erwerben und mit der bereits in ihrem Besitz befindlichen Parzelle vereinen. So konnte man eine grössere, verdichtete Überbauung planen. Aber nun war nicht mehr die Rede von den kulturhistorischen Spuren, «die in Wert zu setzen» sind. Die alten Gebäude seien in einem schlechten Zustand und passten nicht mehr ins Dorfbild, eine Sanierung sei zu teuer und die Parzellen seien optimal (sprich mit maximaler Rendite) zu nutzen.

Zu allem Unglück entliess der Kanton den Speicher aus dem Bauinventar der geschützten Objekte. Aufgrund eines Auftrags des Grossen Rates von 2015 verloren im Kanton Bern rund 11 000 erhaltenswerte Objekte (rund ein Viertel!) ihren Schutz – darunter eben auch unser Spycher. Die konkrete Schutzwürdigkeit der einzelnen Objekte wurde nicht untersucht, sondern in einem Quervergleich über den ganzen Kanton wurde gestrichen. «Quantität reduziert, Qualität erhöht» behauptete die Bildungs- und Kulturdirektion. Damit steht seit drei Jahren auch der Speicher zur Zerstörung frei. 

Unsensible Gemeinde
Dass es den zuständigen Gemeindebehörden an der kulturhistorischen Sensibilität fehlt, zeigte sich schon beim Umgang des Hinterhauses, das im Jahre 1719 erbaut wurde und 2012 ohne ersichtlichen Grund dem Erdboden gleichgemacht wurde. Schon damals versuchte ich die Gemeindebehörden zu bewegen, keine Abbruchgenehmigung zu erteilen. Hoffnungslos! Aus der Baukommission kam die Antwort: «Abe mit dem Ghütt!»

Und nun ist also das Aebersoldhaus dran. Damit verschwindet das letzte Bauernhaus im Dorfkern von Rüfenacht. Nichts mehr erinnert an das einstige Bauerndorf mit den stolzen Bauernhäusern. Bis vor wenigen Jahrzehnten ging man sensibler mit dem Kulturgut um. 1966 wurde bei der Neugestaltung des Strassenraums der Spycher auch mit öffentlichen Mitteln vom damaligen Standort auf der Kreuzung vor der Post an den jetzigen Platz verschoben. Und an die Renovation der dominierenden Fassade des Bauernhauses steuerte der Kanton in den 1980er Jahren Fr. 9000.– bei. Leider wurden an diese Beiträge der öffentlichen Hand keine Verpflichtung der Grundeigentümer geknüpft, die Gebäude zu erhalten.

Das Traurige an dieser Geschichte ist, dass nicht geldgierige, auswärtige Spekulanten mit der Abrissbirne anrücken, sondern dass die Gemeinde selber nicht ihre schützende Hand über ihr eigenes Kulturgut hält. Die Argumente aus dem Gemeindehaus tönen hohl: «Gebäude, die ihre Funktionen verlieren, müssen weg.» Da müsste doch auch das Schloss Worb weg. Es hat seine Funktion als Ritter- und Adelssitz schon längst verloren!

Die Behauptung, das Aebersoldhaus passe nicht mehr ins Ortsbild, sticht nicht. Vor zehn Jahren galt genau das Gegenteil. Und viele Beispiele in der ganzen Schweiz zeigen, dass mit etwas gutem Willen und Kreativität Altes und Neues zu einem erfreulichen Ganzen verbunden werden kann. Noch vor keinem Jahr wurde der restaurierte Gasthof Kreuz mit dem Denkmalpreis 2024 des Kantons Bern geehrt. Warum ist so etwas nicht auch in Rüfenacht möglich? Das Bauvolumen des Aebersoldhauses ist so gross, vor allem die mächtige Scheune mit dem beeindruckenden Gebälk, dass da einige attraktive Wohnungen Platz haben: Es hätte dann halt neben dem stattlichen Aebersoldhaus samt Bauerngarten nur drei Wohnhäuser gegeben. Dass eine dreiköpfige «Expertengruppe» diesen Kulturverlust durchgehen liessen, erstaunt.

Und nun?
Realistischerweise ist der Untergang des Aebersoldhauses wohl nicht mehr zu verhindern. Aber retten wir, was noch zu retten ist. Als Erstes hat der Archäologische Dienst mit Zustimmung des Gemeindepräsidenten unter Leitung der Archäologin Katharina König (ihr sei an dieser Stelle gedankt!) auf eigene Kosten eine dendrochronologische Untersuchung durchgeführt und einen Bericht erstellt (s. den unten stehenden Artikel). Dabei wurde die bekannte Datierung des Bauernhauses um 1740 bestätigt. Überraschungen gab es aber beim Speicher. Dieser wurde nicht, wie bis anhin angenommen, um 1820, sondern bereits um 1770 erbaut. Eindrücklich ist, dass Bauteile, nämlich die beiden Türständer, aus den Jahren 1522 und 1536 stammen. Das Eichenholz von 1536 war bereits 173 Jahre alt, als es geschlagen wurde. Der Baum begann also schon um das Jahr 1363 zu wachsen. Damals war Bern gerade mal zehn Jahre in der Eidgenossenschaft! Es dürfte sich dabei (abgesehen von Schloss und Kirche Worb) wohl um die ältesten Bauteile in unserer Gemeinde handeln.

Weiter besteht noch die Hoffnung, wenigstens den Speicher vor der Zerstörung zu bewahren. Wie die Bauuntersuchungen gezeigt haben, ist der Kernbau weitgehend original, wohingegen die peripheren, dem Wetter ausgesetzten An- und Aufbauten (Lauben, Treppen, Dach) neueren Datums sind und wohl ersetzt werden müssten. Es ist zu hoffen, dass wir dieses Gebäude an einem sinnvollen (noch nicht definierten) Ort wieder aufstellen können. Und wer weiss: Vielleicht ist auch das Aebersoldhaus noch nicht verloren. Die Hoffnung stirbt zuletzt. MARIO JORIO

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