LÄSE Z WORB: Das stumme Haus

Leta Semadeni: Amur, grosser Fluss

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Atlantis Verlag, 2022, 183 S.
978-3-7125-5002-1

Beim Betrachten des Einbands von Leta Semadenis neuem Roman finden sich Hinweise zum Inhalt: Amur, der grosse Grenzfluss im fernen China zu Russland, der Vortrag, dem Olga vor Jahren im Internat beiwohnte, handelte vom Amur-Tiger, dessen Härchen auf dem Einband zwischen den blauen Wellen zu erkennen sind. Die Beschriftung, gross und rostig, könnte für die Tönung der Liebe stehen, die Olga und Radu in Ecuador finden. Sie leben sie auf gemeinsamen Reisen in entlegene Länder oder im Dorf, wo Olga immer noch lebt. Er ist der Filmemacher, der damals den Vortrag hielt, und sie jetzt Zeichnerin an einem wissenschaftlichen Projekt in Ecuador.

Im Dorf, beim reissenden Fluss, wo sie monatelang auf die Heimkehr Radus wartet, macht sie ihm «hasszarte Vorhaltungen», erinnert sich an ihre einzigartige Grossmutter, denn, ja, sie war das Kind in Leta Semadenis erstem Roman «Tamangur». Wie ein Puzzle setzen sich die 105 Miniaturen zur Geschichte zusammen. Und auch hier finden nicht alle Teile ihren Platz auf Anhieb. Aber jedes gehört zum Ganzen. Die Autorin erlaubt sich katzenhafte Sprünge, wo sie über Zeitkapseln nachdenkt, während sie Chili con Carne zubereitet, oder wenn sie das Verblühen von Tulpen so schildert, dass man ein Gemälde vor sich sieht, vor dem man lange stehen bleiben möchte. Die Szenen wechseln sich unvermittelt ab und ergeben zuletzt die Geschichte einer tiefen, verflossenen Liebe, die berührt. Leta Semadeni hat die sprachlichen Möglichkeiten sowohl poetisch, modern und humorvoll zu schreiben. Eine uneingeschränkte Leseempfehlung.

Regula Bener

REGULA BENER

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