Im Sommer 2024 wurden an 6 Tagen die Insektenbestände in der Gemeinde Worb kartiert, dabei wurden 9 Standorte mehrfach aufgesucht. Nun liegt der Bericht vor. Obschon bei der Untersuchung die eine oder andere spezielle Art festgestellt werden konnte, hat sich vor allem gezeigt, dass in Worb bei der Förderung der Biodiversität noch viel Luft nach oben ist.
Sechsfleck-Widderchen, Hufeisen-Azurjungfer oder Nachtigall-Grashüpfer – liest man die Liste der auf Gemeindegebiet lebenden Tagfalter-, Libellen- und Heuschreckenarten, auf die bei der Kartierung der Wirbellosen letztes Jahr der Schwerpunkt gelegt wurde, stösst man auf einige klingende Namen. Auch eine sehr spezielle Art wie die Wanstschrecke konnte festgestellt werden. Wobei die Population dieser Heuschreckenart in Worb sehr klein sein dürfte, da die nächsten Vorkommen im Jura und den Berner Alpen im Gantrischgebiet liegen. Insgesamt wurden 23 verschiedene Libellenarten, 21 Tagfalter- und 20 Heuschreckenarten festgestellt, was, insbesondere im Fall der Schmetterlinge, eine erstaunlich geringe Anzahl an verschiedenen Arten ist. Um die Biodiversität in Worb steht es also nicht zum Besten. Das bestätigt auch der Zoologe und Insektenspezialist Christian Roesti von der Orthoptera GmbH, der im Auftrag der Gemeinde Worb die Kartierung ausgewertet hat. «Es ist frappant, wie wenig verschiedene Insektenarten sich in den besuchten Lebensräumen aufhielten.» Als wahrer Hotspot hat sich, wenig überraschend, das Rüfenachtmoos gezeigt, dort wurden die speziellsten Arten entdeckt. So konnten neben diversen Libellenarten auch Barren-Ringelnattern beobachtet werden. Doch durch die gesamte Bandbreite gesehen, ist das Ergebnis der Kartierung ernüchternd. Ein möglicher Erklärungsansatz für die magere Artenvielfalt ist der nasskalte Frühling in den Jahren 2023 und 2024, Wetterbedingungen, die für Insekten nicht ideal sind. Doch das dürfte nicht der alleinige Grund sein.
In Worb ist es die erste Insektenkartierung, die über das gesamte Gemeindegebiet vorgenommen wurde. Bereits 2022 wurde eine Erfolgskontrolle des Hochwasserschutzprojektes entlang der Worble durchgeführt. Es zeigte sich, dass die steilen Böschungen hinter der Badi ein optimaler Lebensraum für Tagfalter sind und darauf geachtet werden muss, dass sie nicht zu stark verbuschen. Das Biodiversitätskonzept der Gemeinde Worb sieht vor, dass alle 2 Jahre solche Kartierungen gemacht werden. «Wenn man nicht weiss, was man hat, kann man auch nichts schützen oder Massnahmen ergreifen, um die Situation zu verbessern», so Gemeinderat Adrian Hauser, Vorsteher Departement Umwelt.
Die Zwickmühle
Das Insektensterben wird weltweit festgestellt und noch ist wenig erforscht, welchen Einfluss der Klimawandel hat. Doch kann belegt werden, dass die intensive Landwirtschaft sich nachteilig auf Insekten auswirkt. Pflanzenschutzmittel töten auch Nützlinge und der Einsatz von Dünger verdrängt Wildblumen, die stickstoffarme Böden vorziehen, womit es den Insekten wiederum an Nahrung fehlt. Zudem fehlen in den aufgeräumten Landschaften oft strukturreiche Lebensräume. An diesem Punkt tut sich eine Zwickmühle auf. 87 % aller Pflanzen und 75 % der Nutzpflanzen werden durch Insekten bestäubt, darunter sind Arten, die nicht durch Bienen bestäubt werden können, da sie entweder nur nachts blühen oder der Blütenkelch zu eng ist. In einem Ökosystem hat die Honigbiene also längst nicht den Stellenwert, der ihr oft zugeschrieben wird, die vorhandenen Bestände wären nicht ausreichend. So führt Christian Roesti aus: «In der Schweiz gibt es über 600 Wildbienenarten, die sind wesentlich wichtiger für die Bestäubung als Honigbienen. Wenn es keine anderen Fluginsekten gibt, hat die Landwirtschaft schlussendlich ein Problem.» Es geht aber nicht nur um Bestäubung, die Insekten sind auch die Gesundheitspolizei der Natur, sie helfen beim Abbau von abgestorbenen Pflanzen, Kadavern und anderen Hinterlassenschaften wie Fäkalien. Sie halten Schädlinge in Schach und dienen als Nahrung für andere Tiere und sie bereichern die Natur. Denn wer erfreut sich nicht am Anblick von schillernden Käfern, bunten Schmetterlingen und dem Zirpen der Grillen? Stirbt eine Art aus, folgen ihr bald weitere. Mit dem Verschwinden der Insekten drohen Nahrungsnetze wegzubrechen, auch jene von uns Menschen. Christian Roesti erklärt das am Beispiel des Gartenrotschwanzes, der in Worb als ausgestorben gilt. «In der Natur ist alles miteinander verkettet, jede Art ist ein Zahnrädchen im Ganzen. Mit dem Gartenrotschwanz sind auch Insekten- und Pflanzenarten verschwunden. Diese Verluste zeigen an, in welchem schlechten Zustand die Ökosysteme sind.»
Was nun?
Allzu schnell werden bei dieser Thematik Landwirtinnen und Landwirte in die Pflicht genommen. Doch auch Überbauungen, versiegelte Flächen und auf Ordnung getrimmte Gärten tragen zum Rückgang der Artenvielfalt bei. Im besten Fall werden also nicht nur Fördermassnahmen im landwirtschaftlichen Bereich umgesetzt, sondern auch in den Ortschaften und Privatgärten. Seit 2022 in Worb das Biodiversitätskonzept eingeführt wurde, wurden schon diverse Förderprojekte durchgeführt, wie Blühstreifen an Strassenrändern, sowie Magerwiesen oder der Teich, der vor kurzem im Enggisteinmoos angelegt wurde. Zudem können Landwirtinnen und Gartenbesitzer in Worb kostenlose Beratungen in Anspruch nehmen, wenn sie auf ihrem Land Massnahmen zur Biodiversitätsförderung umsetzen wollen. Schlussendlich profitieren wir alle von der Artenvielfalt. So sind artenreiche Ökosysteme gegenüber Parasitenbefällen widerstandsfähiger und erholen sich schneller von den Auswirkungen des Klimawandels. Es gibt also noch einiges zu tun und es braucht Zeit und Durchhaltevermögen, bis die Fördermassnahmen greifen. AW