Abb. 1. Die Fassade des Aebersoldhauses (Baujahr 1740) in Rüfenacht wurde in den 1980er Jahren erneuert. Blick nach Norden. Bild: Archäologischer Dienst, Benedikt Gfeller.

Das Aebersoldhaus und sein Kornspeicher in Rüfenacht: Einblick in eine bauarchäologische Untersuchung

Der Ortsteil Rüfenacht bestand bis zum Ende des 19. Jahrhunderts aus einem spätrenaissancezeitlichen Landsitz und gut einem Dutzend Bauernhäusern. Nach einer ersten Verdichtung im Ortskern setzte ab den 1970er Jahren der grosse Wandel zum Agglomerationsdorf mit Ein- und Mehrfamilienhäusern ein. Heutzutage wirken die letzten Zeugen aus den Dorfanfängen, die Bauernhäuser und ihre Wirtschaftsbauten, ortsfremd – und doch sind sie es, die uns an den Ursprung der Ortschaft erinnern. Marco Jorio, Präsident IG Worber Geschichte, hat den Archäologischen Dienst über den bevorstehenden Abbruch informiert. Bei einer gemeinsamen Begehung zeigte sich ein interessantes Bauensemble, das vor seiner unwiederbringlichen Zerstörung bauarchäologisch untersucht werden sollte. 

Das Aebersoldhaus ist ein typisches Bauernhaus aus dem mittleren 18. Jahrhundert, dem goldenen Zeitalter der Stadt und Republik Bern. Eine gemäss mündlicher Überlieferung einst noch lesbare Bauinschrift auf das Jahr 1740 konnte mittels einer dendrochronologischen Untersuchung (Holzaltersbestimmung) bestätigt werden. Die Hölzer für den Bau des Hauses wurden im Herbst/Winter 1738/39 und 1739/40 geschlagen. Als ein für das Mittelland typisches Vielzweckhaus vereint das Haus unter seinem mächtigen Dach bäuerliches Wohnen und Wirtschaften. Südseitig liegt der unterkellerte Wohnteil und nordseitig der Ökonomieteil, bestehend aus zwei Stallgängen und einer mittigen Futtertenne. Über Wohn- und Ökonomieteil befindet sich der mächtige Dachraum als Lager für Heu, Stroh und Getreidegarben, welcher über eine ostseitige Hocheinfahrt direkt mit dem beladenen Pferdewagen erreicht werden konnte. 

Die nach Süden ausgerichtete Giebelseite lässt, dank dem auf einen Teilwalm reduzierten Dach, viel Licht in die Räume. Der Wohnteil im Erdgeschoss bestand zur Bauzeit aus drei nach Süden orientierten Räumen, einer dahinterliegenden Küche und einer Vorratskammer im Nordwesten. Die Küche war als zweigeschossige Rauchküche angelegt worden, d. h. der Rauch von Kochstelle und Trittofen stieg in der Küche ohne Schornstein oder Rauchhutte nach oben an die Decke und zog von dort durch Öffnungen im oberen Teil der Bretterwand unters Dach. Es ist anzunehmen, dass im oberen Teil dieser Rauchküche eine Aufhänge-Einrichtung vorhanden war, an der Würste, Speckseiten und weiteres Räuchergut konserviert wurde. Reste von Russ und Rauchverkrustungen an der Ostfassade zeugen von dieser Praxis. Einer der südseitigen Räume verfügte im letzten Ausbauzustand über einen Trittofen aus den 1980er Jahren. Es ist zu vermuten, dass auch seine Vorgänger an dieser Stelle standen und somit die eigentliche Bauernstube im Südosten lag. Während der mittlere Raum von der Rückwand des Stubenofens profitierte, war der südwestliche Eckraum vermutlich unbeheizt. 

Das Obergeschoss wurde in den 1980er Jahren zu einer separaten Wohnung ausgebaut. Dabei wurde die Baustruktur massiv überformt und alte Bausubstanz entfernt. Einzig die drei südseitigen Räume dürften in ihrer Dimension den ehemals über die Laube zugänglichen Kammern entsprechen. 

Nördlich des Wohnteils liegt ein erster Stallgang. Die Trennwand zur Futtertenne stammt aus dem mittleren 18. Jahrhundert, während die Einrichtung des Stallgangs mit zementiertem Läger, Gülle- und Servicekanal sowie dem Zementboden im Tenn inschriftlich auf 1919 datiert sind. Noch jünger dürften die Veränderungen im zweiten Stallgang sein, wo einzelne Kompartimente geschaffen, respektive andere Bereiche zum Tenn hin geöffnet wurden. 

Auch ohne Studium allfälliger Schriftquellen zum Hof lässt nur schon die Grösse des Bauernhauses eine beachtliche Betriebseinheit vermuten, die neben der Bauernfamilie auch Knechte und Mägde umfasste, sowie zur Erntezeit auch Arbeit für Taglöhner bot. 

Zum Bauernbetrieb gehörte ein Kornspeicher (Abb. 2). Speicher dienten der trockenen Lagerung von Feldfrüchten, aber auch von Kleidern, Aussteuer und wichtigen Dokumenten abseits des stets brandgefährdeten Bauernhauses. Der Speicher steht heute nördlich des Aebersoldhauses. Er befand sich vor seiner Versetzung 1966 auf der Westseite des Hauses, wo heute die Hinterhausstrasse durchführt. Die dendrochronologische Untersuchung des Speichers zeigt, dass die Bauhölzer im Herbst/Winter 1768/69 gefällt worden sind. Eine Aufrichte ist damit im Jahr 1769 oder 1770 anzunehmen. Man verwendete für den Bau auch Althölzer des 16. Jahrhunderts. Der Speicher ist vom Boden abgehoben und als Ständerbohlen-Konstruktion abgebunden, wobei die Ständer mit Kopfhölzern zum Rähmbalken verblattet sind. Der Speicher ist schlicht, verfügt aber dennoch mit drei Böden über ein mächtiges Speichervolumen. Heute sind alle Böden im Osten über Türen, Treppen und Lauben giebelseitig erschlossen. Auf der Höhe des zweiten Bodens läuft die Laube um den ganzen Speicher. Die Konstruktion der Aussenwände weicht auf Höhe des dritten Bodens von den unteren Geschossen ab: So sind die Aussenwände bis in die Höhe, wo die Dachschräge ansetzt, in Kantholzblocktechnik aufeinandergestellt. Die Giebelfelder sind mit liegenden Bohlen gefüllt. Beim Versetzen des Speichers wurden einige Bauteile und das Dach ersetzt. 

Neben der Baugeschichte geben die beiden Gebäude auch Auskunft über agrarhistorische Aspekte. Das mächtige Bauernhaus mit seinen zwei Stallgängen zeugt von der Modernisierung der Landwirtschaft, die ab der Mitte des 18. Jahrhunderts sehr stark auf die organischen Stoffkreisläufe fokussierte. Damit die Gülle gesammelt werden konnte, um sie als Dünger auf die Felder auszubringen, mussten die Tiere häufiger und länger im Stall untergebracht werden. Es brauchte also mehr Stallraum. Tiere im Stall benötigen grosse Futtermengen, nämlich Heu im Winter und Grasschnitt im Sommer. Folglich brauchte es grosse Dachvolumen und eine Futtertenne. Wachsender Wohlstand führte auch zu einer zunehmenden repräsentativen Gestaltung der Gebäude im 18. Jahrhundert. So wurde die Giebelfassade zusehends stärker betont und verziert. Die im ehemaligen Amt Konolfingen häufigen, grossen und teils reich verzierten Kornspeicher dienten ebenfalls der bäuerlichen Repräsentation und sind Abbild eines spürbaren Selbstbewusstseins. KATHARINA KÖNIG

Abb. 2. Der Kornspeicher (Baujahr 1769) zum Aebesoldhaus wurde 1966 an diese Stelle versetzt. Die drei Lagerböden sind ostseitig über Treppen erreichbar. Blick nach Süden. Bild: Archäologischer Dienst, Benedikt Gfeller.

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