Blindheit

Unter Blindheit versteht man die ausgeprägteste Form einer Sehbehinderung. 
Lange habe ich das Thema nur zur Kenntnis genommen, ohne weitere Gedanken. Menschen in der Stadt mit weissen Stöcken oder mit einem Blindenhund sowie die akustischen Signale an Fussgängerstreifen beeindruckten mich kaum. In meiner Jugendzeit kauften wir jeweils im Dezember den Blindenkatalog. Mich interessierten damals aber vor allem die Wetterprognosen basierend auf dem Wetter vor hundert Jahren. Mit der Zeit änderte sich dann meine Sichtweise in Bezug auf Blindheit.
Auf der Wislen im Wald begegnete ich zufällig einem Mann mit einem weis-sen Stock. Wir kamen ins Gespräch. Sein Name ist Franz und er ist seit über fünfzig Jahren blind. Seine Ausführungen faszinierten mich und so entstand ein kollegiales Verhältnis. Heute unternehmen wir regelmässig Spaziergänge. Wir gehen nebeneinander durch den Wislenwald oder Richtung Reservoir. Ich sehe die Bäume, das Licht zwischen den Ästen, den schmalen Weg. Franz ist fünfundachtzig, blind und sieht nichts davon. Und doch kennt er diesen Weg besser als ich. «Hier kommt eine Wurzel», sagte er oft, noch bevor ich sie bemerkte. Franz hebt den Stock leicht an, sein Schritt ist sicher. Ich stolpere. Franz lacht.
Mich erstaunt seine Lebensfreude jedes Mal aufs Neue. Keine Spur von Resignation, kein Hadern. Im Gegenteil. Franz interessiert sich für Politik, Landwirtschaft, Natur, die Zahl der Kühe und Geissen, Pferde und Schafe auf den Wiesen gegenüber, die Sicht der Bundeshauskuppel in Bern und das Leben der Menschen um ihn. Blindheit hat ihn nicht kleiner gemacht, sondern wacher. Manchmal frage ich mich, wer von uns beiden mehr sieht. 
Ich mit offenen Augen oder Franz, der die Welt ohne Augenlicht so präzise wahrnimmt, dass er das Knirschen des Kieses, den Luftzug eines Radfahrers und den Duft des Waldes nach Regen erkennt. Einmal meinte er «Blindheit bedeutet nicht, dass die Welt verschwindet. Sie ordnet sich einfach anders.» Diese Äusserung habe ich nie vergessen.
Nach vielen Gesprächen mit Franz denke ich, dass wir viel von Menschen mit einem Handicap lernen können. Sie begegnen der Welt anders als wir. Ob von Geburt an oder durch Unfall oder Krankheit, sie haben mit Herausforderungen zu kämpfen, die wir kaum kennen. Unsere Spaziergänge auf der Wislen mit den lebhaften Gesprächen schenken uns beiden viele kleine und grosse Erkenntnisse und Freude.

HansBeck

HANS BECK

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