Sprachlos

Heute erzähle ich Ihnen etwas, das sich zwar nicht unmittelbar in Worb abgespielt hat, oder doch? Am vergangenen Dienstagmorgen bin ich um 8.30 Uhr am Zieglerspital vorbeigefahren. Am Fussgängerstreifen auf der Morillonstrasse musste ich anhalten, weil eine Gruppe von rund 50 Personen die Strasse überqueren wollte. Alle zogen einen Rollkoffer hinter sich her und alle hatten wohl ihr Ziel, das Bundesasylzentrum, gerade erreicht. Wie ein Blitz traf mich diese Erkenntnis: müde und verängstigt dreinblickende Menschen, meist Frauen und Kinder, welche in einem Köfferchen ihre Habseligkeiten hinter sich herzogen, nachdem sie drei Wochen zuvor noch gänzlich ahnungslos ihrem alltäglichen Leben nachgegangen waren. Was sich wohl in den Koffern befand? Eine Existenz, verpackt in 50 Litern Inhalt?

Was würden Sie einpacken, wenn Sie völlig unvorbereitet und fluchtartig Ihr Zuhause verlassen müssten? Ich denke spontan an die Fotoalben unserer Kinder, an ein paar warme Kleider, an wichtige Dokumente. Während ich weiterfahre, bleiben mir die Blicke der Menschen in der Erinnerung hängen. Eine Mischung aus kompletter Erschöpfung, Angst und Dankbarkeit. Ein müdes Lächeln hat mich gestreift… 

Wieder zuhause angekommen, versuche ich zu verstehen, warum bloss 2’000 Kilometer von uns entfernt ein Überfall auf Brüder und Schwestern stattgefunden hat. Ich lerne, dass Kiew die Mutter aller russischen Städte genannt wird, dass die Ukraine die Wiege des Zarenreichs und der Sowjetunion ist. Ich erahne, dass im fernen Moskau jemand unter einer Glasglocke sitzt und von dem grossen, russischen Reich träumt, in welchem er gross geworden ist. Entschuldigen lässt sich die Aggression aber keinesfalls, und die Zeit lässt sich – zum Glück – nicht zurückdrehen.

Ich bleibe an diesem Dienstagmorgen sprachlos zurück, halte inne und überlege, was ich tun, wie ich helfen kann, auch hier in Worb. Wir können alle unterstützen, jedes nach seinen Möglichkeiten, nicht nur mit Kleidern, Essen und Medikamenten. Wir alle können dafür sorgen, dass die geflüchteten Menschen hier vorerst zur Ruhe kommen können. Schenken Sie Ihnen ein Lächeln zurück, schenken Sie ihnen die Zuversicht, dass sie hier willkommen sind, und schenken Sie ihnen die Hoffnung, dass sie bald in ihr eigenes Land werden zurückreisen können.

2011_Randnotiz-Foto-Ursula-Schreiber nicht zugeschnitten

URSULA SCHREIBER

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