Wir sind Landwirtschaft!?

Seit Wochen häufen sich in Europa Bauernproteste. Die Forderungen sind überall dieselben: Abbau der Bürokratie, Verbesserungen der Bedingungen zum Anbau von Landwirtschaftlichen Produkten, mit fairen Produzentenpreisen.

Die Schweizer Landwirtinnen blieben lange aussen vor bei diesen Protesten. In jüngster Zeit kam es nun auch in verschiedenen Kantonen  in der Schweiz zu friedlichen Mahnwachen mit Traktoren auf freiem Feld, welche als Weckruf für alle Schweizer gelten sollte!

Und das zu Recht. Per 1. Juni 1993 hat der Bund die neuen ergänzenden und ökologischen Direktzahlungen eingeführt. Das war ein agrarpolitischer Meilenstein: Mit der Einführung der Direktzahlungen wurde die Preis- und Einkommenspolitik entkoppelt. Gleichzeitig wurden gezielte Anreize für eine ökologischere Landwirtschaft geschaffen.

Das bedeutet, dass das landwirtschaftliche Einkommen über Direktzahlungen und nicht nur über die Produzentenpreise gesichert wird. Dies hatte zur Folge, dass z.B. der Brotweizenpreis von ca. 100 Fr. pro 100 kg Jahr für Jahr gesenkt wurde, bis zum jetzigen Preis zwischen 50 und 60 Fr. pro 100 kg. Das Interessante ist, dass der Brotpreis im Laden nicht günstiger wurde, im Gegenteil, er steigt und steigt. Diese Entwicklung ist bei fast allen Produzentenpreisen feststellbar. Gleichzeitig steigen die Qualitätsanforderungen sowie der Preisdruck des Detailhandels enorm. Coop und Migros, die Hauptabnehmer unserer Lebensmittel haben einen Marktanteil von über 70 %, somit ist klar, wer die Preise sowie die Margen bestimmt.

Damit Direktzahlungen beansprucht werden können, muss man einen ökologischen Leistungsnachweis (ÖLN) erbringen. Dieser beinhaltet folgende Punkte: Tiergerechte Haltung, ausgeglichene Nährstoffbilanz, angemessener Anteil Biodiversitätsförderflächen, geregelte Fruchtfolge, geeigneter Bodenschutz, Auswahl und gezielte Anwendung von Pflanzenschutzmittel. Dieser ÖLN-Nachweis hat absolut seine Berechtigung. Das Problem ist nur, dass die Anforderungen fast jedes Jahr ändern und in der Tendenz ausgedehnt werden. Mit der Konsequenz, dass das Umsetzen der zusätzlich geforderten Massnahmen viel Zeit beansprucht und die Kontrollen aufwendiger werden. Bei meinem Biobetrieb werden bei einer normalen Kontrolle 400 bis 500 Checkpunkte geprüft! Werden zu viele Checkpunkte nicht erfüllt, erfolgt ein automatischer Abbau der DZ (Direktzahlungen). Und diese machen je nach der Ausrichtung des Betriebes zwischen 20 und 60 % des landwirtschaftlichenEinkommens aus.

Fakt ist, dass die Landwirtschaft ökologischer und nachhaltiger produziert als vor zehn Jahren. Für mich ist klar, dass man diese Schritte noch weiter entwickeln muss. Es bedeutet aber mehr Aufwand und somit höhere Kosten in der Produktion. Das Problem ist nur, die meisten Konsumenten sind nicht bereit, mehr für unsere produzierten Lebensmittel zu bezahlen. In den vergangenen Jahren sind die Aufwendungen für Nahrungsmittel im gesamten Haushaltsbudget deutlich gesunken. Jetzt werden sie aber wieder teurer, ohne dass die Produzenten im Verkauf mehr bekommen. Es wäre an der Zeit, dass Coop und Migros endlich ihre Margen transparent offenlegen! Und überhaupt, wer geht im Januar einkaufen, mit der Absicht Erdbeeren oder Bio Himbeeren aus Afrika zu kaufen? Niemand, aber wenn man diese sieht, kann leider ein Teil der Einkaufenden sich nicht zurückhalten, diese geschmacklosen Früchte zu erwerben.

Es wird zunehmend schwieriger all den Forderungen der Gesellschaft, unter Einbezug einer nachhaltigen Bewirtschaftung, gerecht zu werden. Es kommt mir vor wie eine Gratwanderung, einerseits tiergerecht und nachhaltig zu produzieren, anderseits sollte es  möglichst billig sein. Ein Spagat, der kaum zu bewältigen ist!

Darum, Landwirtschaft geht uns alle an, denn wir sind Landschaft, Wirtschaft und Gesellschaft.

Bruno Wermuth,
Biobauer,
Gemeinderat

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