Im 1. Teil unserer Zeitreise (s. WoPo 11/24) stand die 1921 geschaffene Einwohnergemeinde im Zentrum. Im 2. Teil werfen wir einen Blick auf die Gesellschaft, wie sie sich etwas zufällig in den beiden benützten Quellen – dem Gemeinderatsprotokoll und der Zeitung «Der Bund» – präsentierte. Es entsteht das Bild einer Gemeinde, die im Begriffe war, wirtschaftlich, sozial und kulturell ihren Weg ins 20. Jahrhundert zu suchen.
Die neue Einwohnergemeinde Worb zählte 1920 in der eidgenössischen Volkszählung 4293 Einwohnerinnen und Einwohner (2023: 11’526). Der Grossteil wohnte im Dorf Worb. Der Zuzug von zahlreichen Arbeitern und Angestellten gab dem Dorf Worb einen bereits stark industriell geprägten Charakter, der sich in mehreren Arbeitervereinen, so etwa im Arbeiterradverein «Solidarität» und in einer wählerstarken SP niederschlug, die knapp einen Drittel der Wähler mobilisieren konnte. Ein weiterer Hinweis auf die erstarkende Arbeiterschaft war die bereits 1904 erfolgte Gründung der Konsumgenossenschaft Worb und Umgebung. Die Industrialisierung brachte auch Katholiken nach Worb. Um 1920 waren es erst einige Dutzend Niedergelassene, aber es arbeiteten saisonal zahlreiche Katholiken, vor allem Italiener, in den Worber Betrieben.
Die anderen sieben Ortschaften waren noch reine Bauerndörfer. In einigen machten sich aber bereits erste Anzeichen der Agglomerationsbildung bemerkbar. So bestand beispielsweise Rüfenacht aus dem «Schlössli», einigen Bauerngehöften und Gewerbebauten sowie wenigen Wohnhäusern in Gehdistanz zur 1898 eröffneten Station der Bern-Muri-Worb-Bahn. Aber schon 1901 hatte die Gärtnerei Dähler das erste Mehrfamilienhaus (Alte Bernstrasse 36) erbaut. Das Pendlerzeitalter hatte bereits begonnen.
Wirtschaft
Neben der noch stark dominierenden Landwirtschaft prägten einige grössere Betriebe das Wirtschaftsleben. Viele von ihnen sind heute noch oder waren bis vor kurzem präsent. Zu den ältesten – vor 1900 entstandenen Firmen – zählten etwa die seit 1913 Vereinigten Leinenwebereien Worb & Scheitlin, welche am 27. August mit einem grossen Fest als «Zeugnis bernischen Gewerbefleisses» das 240-Jahr-Jubiläum feierten (gemäss der Worber Geschichte wurde die Firma aber erst 1798, also über 100 Jahre später, gegründet…). Zu den alten Betrieben zählten ferner die Mühle Ernst Kindler AG (1814), die Filzi in Enggistein (1859), die Bierbrauerei Egger (1863), die Druckerei Aeschbacher (1881) und die Schlosserei Sägesser (1884), die nach dem Zweiten Weltkrieg zur Verzinkerei mutierte. Das Baugewerbe beherrschte die Firma F. und H. Könitzer (1854). Die wohl ausserhalb Worb bekannteste Firma war die aus der Hammerschmiede am Stalden entstandene Metallwarenfabrik der Gebrüder Ott (1806). Sie nahm im Herbst 1924 an der Kantonalen Gewerbe- und Industrieausstellung in Burgdorf teil und wurde in der Zeitung «Der Bund» für ihre modernen und «prächtigen Käserei- und Molkereimaschinen» in den höchsten Tönen gelobt.
Jüngeren Datums waren die als Arbeitgeber wichtigen, 1924 noch getrennten und finanziell starken Bahnen Bern-Muri-Worb (1897) und Worblentalbahn (1911). 1924 wurde in beiden Verwaltungsräten über eine Fusion diskutiert, die aber erst 1927 zustande kam. Eine der jüngsten unter den grösseren Worber Firmen war die 1917 gegründete Grossmosterei Worb. Daneben gab es ein stark entwickeltes Gewerbe, das werbemässig mit zum Teil originellen Inseraten auf sich aufmerksam machte. Da sticht die «Möbelfabrik Worb» von Ernst Schwaller heraus, die im «Der Bund» mit witzigen Karikaturen auffiel. Wenig weiss man über die Worber Käsehandlung G. Lehmann, die ihren Piccolo-Käse auch als Cheeseboy auf Englisch bewarb.
Mit der Eröffnung der beiden Bahnen wurde Worb ein Ausflugsziel für die Stadtberner. Attraktionen waren neben dem «schönen heimeligen Berner-Dorf» der Wasserfall des Enggisteinbachs hinter dem heutigen Schmitteplatz. Drei Wirtschaften betrieben regionale Werbung: Löwen, Sternen und Bad Enggistein. Der Löwen wies auf die «grosse Auto-Garage» und der Sternen auf die «Spezial-Diners» hin. Sehr rührig war der Metzger und Wirt F. Iseli im Bad Enggistein: In seinen zahlreichen Inseraten pries er den «prächtigen Spaziergang» von einer halben Stunde vom Bahnhof Worb und rühmte die grossen Lokalitäten für Vereine und Gesellschaften, den grossen schattigen Garten, die «reellen Weine» und seinen Bauernschinken.
Soziales
In Worb herrschte Wohnungsnot, vor allem für Familien und Einzelpersonen mit geringem Einkommen. Damals galt in der Sozialfürsorge noch das Bürgerortsprinzip. Verarmte Worber Bürgerinnen und Bürger, die in anderen Gemeinden wohnhaft waren, wurden nach Worb abgeschoben. Worb hielt es umgekehrt ebenso. Fast in jeder Sitzung musste sich der Gemeinderat mit Wohnproblemen herumschlagen. Im Verlaufe des Jahres nahmen die Baugesuche für Wohnhäuser im Dorf Worb zwar zu, ohne die Wohnungsnot aber sofort lindern zu können. Der Gemeinderat genehmigte alle Baugesuche und lehnte gleichzeitig Baugesuche für Gewerbebauten ab, sofern damit Wohnraum verloren ging. Die Gemeinde besass zwar einige Wohnungen, um Bedürftige unterzubringen. Aber diese reichten nicht aus. Zur Not quartierte der Gemeinderat sogar einmal eine wohnungssuchende Familie im Dorfschulhaus ein.
Neben der prekären Wohnungslage waren die Gesuche um finanzielle Unterstützung oder um Steuererlasse ein Dauerthema. Die AHV gab es noch nicht und Pensionskassen waren noch selten: Aber immerhin hatte die Worblentalbahn im Vorjahr eine der ersten Pensionskassen in Worb errichtet (aber an der Generalversammlung vom 7. Juli auf dem Dentenberg gleichzeitig einen Lohnabbau von 4 % für das ganze Personal beschlossen…). Der Gemeinderat war in der Praxis ziemlich hart und lehnte einen grossen Teil der Gesuche ab. Dort aber, wo offensichtliche Not herrschte, z. B. weil der Mann als Ernährer fehlte oder unterstützungsbedürftige, betagte sowie kranke Familienmitglieder versorgt werden mussten, ging der Gemeinderat auf die Gesuche ein. In einzelnen Fällen suchte er für arbeitswillige Arbeitslose Anstellungen. Neben Steuermitteln standen ihm ein Lehrlingsstipendienfonds und ein Mädchenwaisenfonds zur Verfügung, wobei er bei Gesuchen für die Berufsausbildung von jungen Männern ein besonders offenes Herz hatte. Im Fall der grossen Familie Gfeller aus Rüfenacht stand ihm sogar der Gfeller-Familien-Armenfonds zur Verfügung.
Das gesellschaftliche Leben wurde von den zahlreichen bürgerlichen und Arbeitervereinen gepflegt. Während des ganzen Jahres stellten diese Gesuche für Feste, besonders für Sommerfeste. Der Gemeinderat kam den einheimischen Gesuchstellern meistens entgegen, nicht so Auswärtigen. So lehnte er das Gesuch der Variété-Arena Stey und anderer Anbieter, etwa für «kinematographische» Vorführungen, mit dem stereotypen Argument ab, es gebe dafür in Worb kein Bedürfnis. Die meisten kulturellen Veranstaltungen fanden im damaligen Bärensaal statt: So brachte am 18. November der Turnverein das berndeutsche Lustspiel von Fritz Moser «Der letscht Häxeprozess», ein «Sittenbild» aus dem Jahr 1836, zur Uraufführung. Im Rahmen eines Kulturaustausches gaben die Glarner Sängerfreunde am 7. Juni ein Konzert, nachdem im Jahr zuvor die Worber Sänger auf ihrem Jahresausflug über den Klausenpass im Glarnerland gastiert hatten. Und im Frühjahr kam der bekannte Thurgauer Schriftsteller Alfred Huggenberger auf Einladung der Partei der Festbesoldeten zu einer Lesung nach Worb.
Eigene Jugendorganisationen gab es in Worb noch keine. Zwar gab es zwei Turnvereine mit Jugendriegen. 1924 wurde dann für das obere Worblental die Pfadfinderabteilung «Geristein» gegründet, in der auch einige Worber Jugendliche mitmachten (s. WoPo 7/2024). Die Worber Schuljugend vergnügte sich noch mehrheitlich auf den noch weitgehend ungefährlichen Strassen. Dem manchmal wilden Treiben setzte der Gemeinderat, unterstützt von der Lehrerschaft Grenzen: So verbot er den Kindern im Winter das Schlitteln auf den Strassen nach 19.00 Uhr.
Sozialdisziplin
Wie ein Nachhall aus dem Zeitalter der Sittengerichte vor 1798 kümmerte sich die Gemeinde – Gemeinderat und Vormundschafts- und Armenkommission – auch um ein anständiges Leben der Worberinnen und Worber – oder was man damals darunter verstand. Sie erteilten Leumundszeugnisse, so etwa zuhanden der Staatsanwaltschaft für die beiden Buben Fritz (12) und Ernst (10) Affolter, die bei Vielbringen eine Kirschleiter auf die SBB-Linie gelegt hatten und wegen Störung des Eisenbahnverkehrs strafrechtlich verfolgt wurden. Dem Gemeinderat standen aber heute undenkbare Zwangsmassnahmen zur Verfügung, die er auch gegen Honoratioren anwandte. So versorgte er den Kaminfegermeister und offiziellen Feuerschauer Johann Spycher wegen Alkoholismus für neun Monate in der Trinkerheilanstalt Effingerhaus bei Brugg. Den 22-jährigen «Müssiggänger» Christian Schneider schickte er für ein Jahr ins Arbeitshaus. Als ruchbar wurde, dass der 20-jährige Ernst Jakob zwei minderjährige, moralisch nicht einwandfreie und «erblich belastete» Mädchen «kiltgangweise» besucht hatte, wurden die Mädchen disziplinarisch belangt und der junge Mann wegen Unsittlichkeit angeklagt.
Verkehr
Mit dem Beginn der wirtschaftlich «goldenen Zwanzigerjahre» nahm der motorisierte Verkehr zu – das Automobil-Zeitalter kündigte sich an. Dieses schlug sich in zahlreichen Baugesuchen für Autogaragen nieder. Die Wirte des Bären und des Löwen beantragten, die nicht mehr gebrauchten Stallungen in Garagen umbauen zu dürfen. Metzgermeister Fritz Bieri richtete in seiner Garage gleich noch eine Auto-Waschanlage ein, wohl die erste in Worb, und Robert Gurtner gründete die heute noch bestehende Gurtner Automobile AG. Die Asphaltierung der Strassen als Mittel gegen die «Staubplage» wurde zum Thema. Einzig die Kantonsstrasse durch das Dorf war bereits asphaltiert. Aus der Bevölkerung kam der Wunsch nach einer asphaltierten Bahnhofstrasse. Aber der Gemeinderat hatte aus finanziellen Gründen kein Gehör dafür. Da noch nicht einmal das Strassenstück Worb-Rüfenacht asphaltiert war, verlangte der Gemeinderat vom Kanton, dass er die Staatsstrasse neu walze.
Streit mit dem Kanton gab es auch wegen der beginnenden Strassensignalisation. Der Kanton setzte ohne Rücksprache mit der Gemeinde Tafeln für den Automobilverkehr und schickte unter Protest des Gemeinderats die Rechnung an die Gemeinde, die aber schliesslich bezahlte. Es formierte sich auch schon erster Widerstand gegen den noch schwachen Automobilverkehr. So verlangten die Anstösser der Wydenstrasse, dass der Automobilverkehr wegen den engen Raumverhältnissen und der Unfallgefahr durch ihre Strasse gänzlich verboten würde. Ende 1924 lag das Begehren immer noch beim Kanton.
MARCO JORIO